100. Ausgabe von Ort der Augen

Die Literaturzeitschrift Ort der Augen (oda) erscheint dieser Tage zum 100. Mal. Dieses Heft ist eine Doppelausgabe der Hefte 100/101 und weist entsprechend ca. 200 Seiten auf (üblich sind sonst etwa 100). Das Heft wird am 23.10. um 19 Uhr im Merseburger Dom im Rahmen der Landesliteraturtage des Landes Sachsen-Anhalt vorgestellt. Durch den Abend führen die Redaktionsmitglieder Simone Trieder und Torsten Olle sowie der Chefredakteur André Schinkel (musikalisch begleitet von Michael Schönheit). Bei der Gelegenheit werden die beiden langjährigen Redaktionsmitglieder Richard Pietraß und Peter Gosse verabschiedet. Ich werde aus privaten Gründen nicht anwesend sein, bin aber im aktuellen Heft mit 5 Gedichten vertreten. Im Heft finden sich zudem Texte von Wilhelm Bartsch, Jan Wagner, Kerstin Hensel, Ralf Meyer, Daniela Danz, Richard Pietraß, Said usw.

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Sonnentanz

Kürzlich erschien im Mitteldeutschen Verlag ein Buch mit Primärtexten (Gedichte und kurze Prosa) von Walter Bauer mit dem Titel Sonnentanz. Als Herausgeber fungierten Jürgen Jankofsky und Prof. Günter Hess. Ich habe darin meine Eindrücke zum mitteldeutschen Kanadier Walter Bauer zum Besten gegeben. Der darin von mir enthaltene Aufsatz heißt „Schade, daß ich nur einen Kern habe“ (der Titel bezieht sich auf eine Verszeile Bauers). Erhältlich ist das Buch unter anderem hier.

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Zum Irrtum des Rationalen im Irrationalen

Zum Irrtum des Rationalen im Irrationalen

Der einfachen Definition auf Wikipedia folgend, meint irrational Sachverhalte oder Ideen, die der menschlichen Vernunft widersprächen oder aber sich dieser entziehen würden. Im Folgenden möchte ich etwas zu meiner Haltung zum Gedicht sagen, was sich nicht nur auf die bloße Entstehung und Rezeption bezieht.

Ist es denn nicht irrational, ein Gedicht, das aus dem Innersten nach außen strömt, durch Konzepte, Versuchsanordnungen, der Sprachwissenschaft verwandte Setzungsstrategien, oktroyierte Weltanschauungen o. Ä. zu manipulieren? Wird dadurch nicht das eigentlich Poetische, das Werk der Schöpfung unterminiert? Zumindest die letzte Frage war rhetorischer Natur. Das wahrhaft Poetische kann nur aus dem Inneren nach außen strömen, nie aber von außen nach innen. In diesem Fall wäre es gekünstelt oder bloße (Pseudo-)Wissenschaft. Ein Problem der Wissenschaft in diesem Zusammenhang ist aber die im wissenschaftlichen Vorgang nicht zulässige Empathie, die jedoch ein elementarer Bestandteil der schöpferischen Dichtung sein muss, denn der Sinn, das Sinnliche ist der Kern der die Zeit überdauernden Gedichte.

Ein Wissenschaftler untersucht Gegenstände, stellt Thesen auf, stellt diese auf die Probe und hat im besten Falle ein verwertbares Ergebnis, das wiederum von anderen Wissenschaftlern aufgegriffen werden kann. Dabei geht er logisch und rational vor. Wenn wir nun also versuchen, unter wissenschaftlichen Aspekten zu dichten, legen wir uns automatisch bestimmte Filter auf. Auf diese Weise bedingen wir bestimmte Haltungsschäden.

Zu viel an Wissenschaft verdrängt das Pathos in den Gedichten. Das Pathos wird inzwischen häufig mit „pathetic“ gleichgesetzt. Aber wir vergessen, Pathos kann auch eine Art Demut darstellen, die wir in der westlichen Welt nahezu völlig verloren haben und nicht selten mit Demütigung verwechseln. Wenn wir nun also das Pathos als völligen Unsinn abqualifizieren oder gar mit Kitsch gleichsetzen, nehmen wir dadurch eine Von-oben-herab-Haltung ein, die im Falle von Gedichten dem Gedicht selbst als solches nicht guttun kann, wird dadurch der Leser doch nicht selten belehrt oder gar vorgeführt. Wenn wir nun also gänzlich auf das Pathos verzichten, rauben wir dem Gedicht nicht zuletzt auch mögliche Inhalte. Ein Problem der zeitgenössischen Dichtung besteht in deren Inhaltslosigkeit. In wie vielen Gedichten geht es nur noch um die Sprache/Worte an sich. Alternativ werden geisteswissenschaftliche Haltungen aller Art zur Schau gestellt. Ketzerisch gefragt: Wäre es in diesem Fall nicht sinnvoller, dies in wissenschaftlichen Arbeiten zu behandeln?

Anfangs gab ich an, etwas  zu meiner Haltung in Bezug auf Gedichte preiszugeben. Nun, das fällt mir wahrlich nicht leicht, zumal ich mit jedem geschriebenen Gedicht immer unsicherer werde und mich ein Stückweit mehr in die fragile Welt meiner Dichtung zurückziehe und somit immer mehr von der Echtzeitwelt aufgebe. Denn: Wer den Weg der Dichtung betritt, lässt den Heimweg unwiederbringlich hinter sich zurück.

Nicht einmal in dieser kurzen Beschreibung komme ich ohne Pathos aus. Auf die Wissenschaft kann ich in meinen Gedichten weitestgehend verzichten. In der Dichtung spielt sie für mich eine untergeordnete Rolle. Ich vertraue auf die Bilder, auf den Rhythmus, auf Klangfolgen, auf größere Zusammenhänge, auf die bloße Intuition, auf den von Thomas Kunst so viel beschworenen Dreck, auf den Wahnsinn, der mich bisweilen heimsucht, auf den Kompass, der mir die Poesie ist, wo es doch nicht sonderlich um meine Orientierung bestellt ist, und versuche, mich nicht im Kleinklein der „Verdichtung“ zu verlieren. Bewirken wir denn durch eine Verdichtung der im Gedicht verhandelten „Materie“ nicht genau das Gegenteil von dem, das wir mit dem Gedicht erreichen möchten? Es stimmt: Viele zeitgenössische Gedichte sind stark verdichtet, was ihnen in der Kritik in der Regel positiv ausgelegt wird. Aber eine zu starke Verdichtung führt unweigerlich dazu, dass das verloren gehen muss, was zwischen den Zeilen stehen könnte. Also die implizite(n) Aussage(n). Zu viel Verdichtung ist zu viel des Guten, bedeutet zu viel Ratio.

Was aber fasziniert uns an Gedichten? Ist es nicht das Irrationale, Unsagbare, diese Unbekannte, die sich nicht auf andere Weise wiedergeben lässt und wenn dann nur stark verwässert? Oder faszinieren uns die in den zeitgenössischen Gedichten so oft verhandelten Ars-poetica-Theorien, die Wortspiele, die Metatexte, die Zitiermechanismen, die Sprechweisen, die künstlich angeordneten Versatzstücke? Verleiht denn die Verwendung des Blocksatzes dem Gedicht einen wirklichen Mehrwert? Geht es noch lakonischer, noch präziser? Auch hier gilt, zu viel an Präzision verstellt den Blick aufs Ganze.

Gibt es denn überhaupt noch vernünftige Gründe, in der heutigen Zeit Gedichte zu schreiben? So ganz ohne Markt, ohne Interesse, ohne wirklichen Mehrwert? Rational betrachtet, ein ganz klares Nein. Es ist also von Grund auf irrational, überhaupt Gedichte zu schreiben. Was spricht dann also dagegen, in den Gedichten irrational zu sein? Was spricht also dagegen, sich dem Zeitgeist, sich dem Zeitgenössischen zu entziehen und beispielsweise Reime zu verwenden? Dem Pathos so zu vertrauen wie der Wissenschaft … Alles im Lot zu halten, das ist die Kunst.

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FBK-Austritt

Blankenburg, 7.9.2018

Werter Vorstand des Friedrich-Bödecker-Kreises,

hiermit trete ich mit sofortiger Wirkung aus dem Friedrich-Bödecker-Kreis e.V. in Sachsen-Anhalt (FBK) aus.

Die Mitgliederversammlung am 5.9.2018 in Magdeburg war m. E. eine Art Schauprozess. Janko war in Absprache mit seinem Anwalt nicht anwesend. Das war der Grund für sein Fernbleiben. Nichts anderes. Seine Abwesenheit wurde hingegen höhnisch belächelt.

Im Gegensatz zu den meisten Mitgliedern des FBK habe ich stets versucht, mir beide Seiten anzuhören und mich nicht einlullen zu lassen. In den letzten Wochen habe ich so ziemlich jede Stimme aus der zunächst sehr einseitigen Presse vernommen. Da war von „schwerwiegenden Vorkommnissen des Geschäftsführers gegenüber unserer langjährigen Referentin“ die Rede (also hat sich der Vorstand ja doch in der Presse geäußert, obwohl auf der MV Gegenteiliges behauptet wurde; Kai Agthe wird sich ja kaum selbst zitiert haben), was einige Leute, die sogar mich darauf ansprachen, als sexuelle Belästigung deuteten. Zur Erinnerung: Es bestand jederzeit die Möglichkeit, diese Formulierung seitens des Vorstands zu entschärfen. Stattdessen mündete das Ganze in neuen Anschuldigungen. Obige Formulierung ist weiterhin online einsehbar und wurde von der MZ nicht gelöscht.

Im neuesten Volkstimme-Artikel scheint sich der Wind der Presse ein wenig gedreht zu haben. Plötzlich werden in der Presse beide Seiten vernommen, da ist auch „vom Clan, der sich um die ehemalige Vorsitzende Dorothea Iser zusammengefunden habe“ die Rede. Und genau dieser „Clan“ [keine Ahnung, wer diesen Ausdruck gebraucht hat] war größtenteils in Magdeburg anwesend. Machen wir uns nichts vor. Die Spaltung ist da. Es bringt nichts, sie wegzudiskutieren. Ich hatte bei der MV in MD eher den Eindruck, man wolle diese gesamte Angelegenheit unter den Teppich kehren, um weitermachen zu können, zumal das Urteil längst verhängt worden war. Von der von Frau Iser antizipierten Aufteilung von Literaturförderung/Leseförderung würden mehrere Vereine profitieren. Da sie in diesem Zusammenhang von „wir“ sprach, liegt die Vermutung nahe, dass sie weiterhin die Fäden im Hintergrund zieht. Einige FBK-Mitglieder, die gleichzeitig andere Vereine vertreten, fanden diese Idee entsprechend gut und störten sich beispielsweise entsprechend am „Personenkult“ um Janko. Ich hingegen finde diese Idee fahrlässig. Wenn ich mir anschaue, was die anderen Literaturvereine des Landes in den letzten Jahren auf die Beine gestellt haben und dies mit dem FBK vergleiche, ahne ich, wohin die Reise geht. Man sehe sich nur mal die Website des Förderkreises der Schriftsteller in Sachsen-Anhalt e.V. an. Diese sieht aus wie aus den tiefsten 90er Jahren.

Zu den eigentlichen Kernproblemen hat sich niemand geäußert, also insbesondere zur rechtlichen Situation: Wer vertritt beispielsweise den FBK in dieser Angelegenheit? Das Arbeitsklima lässt sich schwerlich von außen beurteilen. Da nützen auch einzelne E-Mails wenig. Zur Wahrheit gehören immer zwei Seiten. In der MV wurde nur eine Seite dargelegt. Das Buch „Anna Hood“ ist im MDV erschienen, ohne Hinweis auf den FBK. Die Vorgänger von „Anna Hood“ erschienen im Dorise-Verlag. Auch hier (ich hab 2 Exemplare zu Hause) gibt es keinen Hinweis auf den FBK! Ich kann es auch nicht nachvollziehen, warum es Frau Iser nicht verstanden hat, dass ein Buch in mehrere Sprachen übersetzt und dann an deutschen Grundschulen vorgestellt wird. Es ist doch naheliegend. Hier geht es um den offiziell in der Politik lancierten interkulturellen Austausch. Es gibt viele „Problemschulen“ mit einem erhöhten Migrationsanteil. Diese Kinder wiederum können von diesem Angebot durchaus profitieren, wenn sie „Anna Hood“ sowohl in ihrer Mutter- als auch in ihrer Zweitsprache lesen können. Zudem weckt das Buch eine Neugier der Kinder auf andere Sprachen.

Um es noch einmal zu verdeutlichen, weshalb ich austrete. Es sollte immer die Unschuldsvermutung gelten. Diese wurde in diesem Fall mit Füßen getreten. Janko wurde zuerst die Weisungsbefugnis entzogen, bevor sich der Vorstand überhaupt ein Bild machen konnte. Passenderweise war Janko am 27.6. zur Vorstandssitzung nicht einmal anwesend und konnte folglich auch nicht angehört werden. Ich trete auch aus, weil ich, so die Spaltung denn kommen sollte, keine Daseinsberechtigung für mich mehr in diesem Verein sehe, da ich eher in den Bereich „Literaturförderung“ falle.

Mit freundlichen Grüßen

Thomas Rackwitz

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Literaturpreis Harz

Am Sonntag wurde im Schloss Harzgerode zum zweiten Mal der Literaturpreis Harz verliehen. Ich war krankheitsbedingt leider verhindert, denke aber, dass die Auslobung dieses Literaturpreises eine schöne Sache ist, zumal vernünftige Literaturpreise (ohne Schwachsinnsvorgaben) in dieser Region rar gesät sind. Gestern lese ich in der GZ Folgendes:

Insgesamt acht Hobbyautoren wurden mit Preisen bedacht.

WTF? Hobbyautoren? Ist dann in diesem Fall die zuständige Redakteurin, Andrea Leifeld, ebenfalls eine Hobbyjournalistin? Meines Erachtens ist dieses Wort „Hobbyautor“ dermaßen ehrabschneidend, dass mir die Worte für eine politisch korrekte Beleidigung fehlen. Was unterscheidet überhaupt einen „Hobbyautor“ von einem „Autor“ bzw. von einem „professionellen Autor“? Geht es um die reine Publikationstätigkeit müssten auch beispielsweise Pessoa oder Rimbaud als „Hobbyautoren“ gelten. Und was ist mit den ganzen Autoren, die ein Publikationsverbot zu erdulden hatten und haben? Sind das auch „Hobbyautoren“? Schreiben ist doch kein Hobby. Es ist eine Lebenseinstellung.

Genereller Nachtrag: Das Wort „Schreiberling“ geht im Übrigen auch überhaupt nicht …

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Erklärung von Dr. Harry Ziethen und Ludwig Schumann

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

Jürgen Jankofsky war von 2000 bis 2018 Geschäftsführer des Friedrich-Bödecker-Kreises in Sachsen-Anhalt e.V. In diesen Jahren entwickelte er den Landesverband zu einem der führenden in der Bundesrepublik Deutschland, der dabei nicht nur die ureigene Arbeit des Friedrich-Bödecker-Kreises, nämlich die Leseförderung und die Begegnung der Schulju- gend mit heutigen Autoren in Sachsen-Anhalt im Blick hatte. Durch die Landesregierung wurde der Verband mit der Förderung des literarischen Lebens im Lande betraut und auch institutionell gefördert.
Jürgen Jankofsky hat diese Herausforderungen zu seiner Sache gemacht, die Schriftstel- ler in Sachsen-Anhalt in diese Projekte integriert und auf diese Weise zahlreiche Beispiele für Literaturentwicklung geschaffen, die heute Ausstrahlung auf das gesamte Bundesge- biet haben. Dazu gehören Schreibwettbewerbe der Schuljugend, Schreibwerkstätten jun- ger Autoren, Schulschreiberprogramme mit in diesen Projekten entstandenen Büchern, aber auch Lesereihen wie die Landesliteraturtage oder die Interlese. Im Auftrag des Lan- des schuf er Kontakte zu den Autoren Armeniens, Bulgariens ebenso, wie er Kontakte zu internationalen Autoren für die Literaturzeitschrift Sachsen-Anhalts, „Ort der Augen“ (oda) pflegte. Gemeinsam mit dem LISA entwickelte er das LESEFUTTER zu einer seit zwölf Jahren regelmäßig erscheinenden Lektüreempfehlung für Lehrkräfte, zudem engagiert er sich als stellvertretender Vorsitzender des Literaturbeirates des Kultusministeriums für die Vergabe von Fördermitteln sowie des Klopstock-Förderpreises.
Jürgen Jankofsky war 2. Vorsitzender des Bundesverbandes der Friedrich-Bödecker- Kreise und hat als solcher auch dazu beigetragen, dass andere Landesverbände gegrün- det oder erhalten wurden. Dass er auch als Schriftsteller persönliche Autorität besitzt, zeigt sich u.a. daran, dass er Schatzmeister des deutschen P.E.N. wurde. Es waren nicht zuletzt seine Fähigkeiten als Autor, die ihn zum Partner der Autoren im Lande werden ließen, die er aber auch immer wieder in seine Arbeit für den Friedrich-Bödecker-Kreis einfließen ließ.

Nun wurde er durch den Vorstand des Friedrich-Bödecker-Kreises in Sachsen-Anhalt e.V. unter Einhaltung der Kündigungsfrist ohne Angabe von Gründen entlassen. Seine Aufga- ben als Geschäftsführer darf er nicht mehr wahrnehmen. Das wäre vielleicht noch nicht so ungewöhnlich. Es war aber keine einvernehmliche Lösung und stellt eine besondere Härte dar, weil Jürgen Jankofsky im Juni 2018 65 Jahre alt wurde und nach den bisherigen Ab- sprachen im Januar 2019 seine Funktion niedergelegt hätte und Rentner geworden wäre, ohne dabei, das hatte er angekündigt, seine ehrenamtlichen Aktivitäten einstellen zu wol- len. Partner des Landesverbandes im Land und außerhalb wurden über die Entscheidung informiert – ebenfalls ohne die Angabe von Gründen. Die Mitglieder des Landesverbandes wissen nichts, sie wurden nicht informiert. Es gibt deshalb eine erhebliche Verunsicherung, denn die Landesliteraturtage und die Interlese stehen vor der Tür, im September müssen die Anträge für das nächste Jahr gestellt werden und mit dem kommenden Schuljahr sind auch einige neu beginnende Schulschreiberprojekte verbunden, Aufgaben, die zwingend einen arbeitenden Geschäftsführer verlangen. Der Vorstand hat mitgeteilt, dass die Mitglieder gemeinsam die Geschäftsführung übernehmen. Dies kann aber nur gelingen, wenn Jürgen Jankofsky diese Aufgaben übergeben kann und übergibt. Es besteht die Gefahr, dass der Verein Schaden nimmt.

Noch ehe eine Benennung der Vorwürfe, geschweige denn eine Klärung stattgefunden hat, wurden aber wichtige Partner des bisherigen Geschäftsführers in Kenntnis gesetzt, als da sind der Bundesvorstand des FBK, das P.E.N.-Zentrum Deutschland, die Landesre- gierung und das Landesverwaltungsamt, offenbar auch Medien, denn inzwischen erschie-

nen erste Zeitungsartikel. Dieses Verfahren ist unserer Ansicht nach dem Charakters des Friedrich-Bödecker-Kreises als eines demokratischen Vereins, der „eine ganz neue Beziehung zur Sprache, zum Lesen und zur Literatur herstellen und die Lesefreude nachhaltig“ fördern will, nicht angemessen.
Wir wünschen, dass der Vorstand die Mitglieder umfassend informiert und in die Entscheidungsfindung einbezieht. Nur eine besonders schwere Verletzung der Pflichten eines Geschäftsführers rechtfertigt eine solche Behandlung unseres Autors, Mitstreiters und Partners Jürgen Jankofsky. Diese können wir uns nicht vorstellen.

11. Juli 2018

Unterzeichner der Erklärung (Stand 23.7.2018):

Patrick K. Addai, Schriftsteller, Friedrich-Bödecker-Preisträger, Linz (Österreich) und Kumasi (Ghana)
Dogan Akhanli, Schriftsteller (Köln)
Prof. Dr. Paul D. Bartsch, Literaturwissenschaftler und Autor (Halle)
Wilhelm Bartsch, Schriftsteller (Halle)
Prof. Dr. Henry Beissel, Anglist und Schriftsteller (Ottawa, Canada)
Susanne Berner, Grafikerin (Halle)
Franziska Beyer-Lallauret, Lyrikerin (Angers, Frankreich)
Matthias Biskupek, Schriftsteller (Rudolstadt)
Malte Blümke, Studiendirektor a.D. (Trier)
Nora Bossong, Präsidiumsmitglied des PEN-Zentrums Deutschland (Berlin)
Ralf Buschendorf, Journalist i.R. (Merseburg)
Carl-Loewe-Gesellschaft, Andreas Porsche im Namen des Vorstandes (Löbejün)
Gerda Dalipaj, Schriftstellerin (Quedlinburg)
Helga Daniel, Schriftstellerin (Mücheln)
Markus Digwa, Poet (Wolfen)
Bettina Fügemann, Schriftstellerin (Ballenstedt)
Karen Galster, Schriftstellerin (Arendsee)
Peter Gehre, Maler (Spergau)
Stefan Gemmel, Schriftsteller, PEN-, VS- und FBK-Mitglied (Lehmen)
Dr. Mariana Gorcyca, Generalsekretärin PEN Romania (Sighisoara, Rumänien)
Peter Gosse, Schriftsteller, Mitgl. Sächs. Akademie der Künste (Leipzig)
Ralph Grüneberger, Mitglied des PEN Zentrums Deutschland, Vorsitzender der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V. (Leipzig)
Adina Heidenreich, Schriftstellerin (Wolfen)
Dr. Günter Hess, Germanist (Toronto, Canada)
Klaus W. Hoffmann, Schriftsteller und Musiker (Sandersdorf)
Axel Kahrs, Schriftsteller (Lüchow)
Tanja Kinkel, Präsidiumsmitglied des PEN- Zentrums Deutschland (Bamberg)
Heidrun Kligge, Schriftstellerin (Dessau-Roßlau)
Claudia C. Krauße, PEN-Geschäftsführerin (Darmstadt)
Alain Lance, Schriftsteller (Paris, Frankreich)
Heike Lichtenberg, Malerin (Halle)
Werner Makowski, Schriftsteller (Lutherstadt Eisleben)
Michael Marquardt, ehem. Geschäftsführer der Auslandsgesellschaft Sachsen-Anhalt e.V. (Magdeburg)
Edward Militonyan, Schriftsteller, Präsident des armenischen Schriftstellerverbandes (Yerevan, Armenien)
Hermine Navasardyan, Dichterin, Vorsitzende der Auslandsabteilung des armenischen Schriftstellerverbandes (Yerevan, Armenien)
Ralf Nestmeyer – Vizepräsident des PEN-Zentrums Deutschland und Writers-in-Prison-Beauftragter (Nürnberg)
Frauke Otto, Buchkünstlerin (Halle)
Dagmar Petrick, Schriftstellerin (Halle)
Heinrich Peuckmann, Präsidiumsmitglied des PEN-Zentrums Deutschland (Kamen)
Prof. Dr. Jan De Piere, Germanist und Autor (Essen, Belgien)
Richard Pietraß, Schriftsteller (Berlin)
Dr. Ekkehard Pistrick, Musikwissenschaftler und Autor (Quedlinburg)
Roman Pliske, Verleger (Halle)
Konrad Potthoff, Schriftsteller (Halle)
Gunter Preuß, Schriftsteller (Schkeuditz)
Thomas Rackwitz, Schriftsteller (Blankenburg)
Marion Ranneberg, Bibliothekarin (Merseburg)
Wolfgang Rischer, Schriftsteller (Süpplingen)
Jutta Sauer, Koordinatorin des PEN-Freundes- und Förderkreises (Oldenburg)
André Schinkel, Schriftsteller, Lektor und Redakteur (Halle)
Kristina Schippling, Schriftstellerin und Regisseurin (Berlin)
Axel Schneider, Geschäftsführer der lkj Sachsen-Anhalt e.V. (Magdeburg)
Ludwig Schumann, Dipl.-Theologe, Schriftsteller (Zeppernick)
Dr. Carlos Collado Seidel – Generalsekretär des PEN Deutschland (München)
Franziska Sperr – Vizepräsidentin des PEN-Zentrums Deutschland und Writers-in-Exile-Beauftragte (Berg)
Michael Spyra, Schriftsteller (Halle)
Stevan Tontic, Schriftsteller und Übersetzer (Novi Sad, Serbien)
Christel Trausch, Schriftstellerin (Wegeleben)
Gabriele Urban, Museumspädagogin (Merseburg)
Klaus-Dieter Urban, Metallbildhauer (Merseburg)
Astrid Vehstedt, Schriftstellerin (Berlin)
Regula Venske, Präsidentin des PEN-Zentrums Deutschland (Hamburg)
Caroline Rose-Marie Vongries, Journalistin, Autorin, Dozentin (Magdeburg)
Gabriele Wennemer, Konferenzdolmetscherin, Übersetzerin (Paris, Frankreich)
Nils Wiesner, Schriftsteller (Merseburg)
Wolfsmehl, Dramatiker (Würzburg)
Annette Wunderlich, Kulturwissenschaftlerin (Halle)
Dr. Harry Ziethen, Verleger (Magdeburg)
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Beitrag von André Schinkel

Liebe Freunde und Kollegen, ich wurde nun wiederholt auf die Situation im Land [Sachsen-Anhalt] angesprochen und wurde gebeten, mich zu positionieren – ich weiß tatsächlich im Moment nicht, wie es mit ODA [Ort der Augen] weitergeht, ich bin da als einfaches Noch-Mitglied des FBK-Sachsen-Anhalt tatsächlich überfragt. Ich gehe davon aus, daß die Tage der Zeitschrift gezählt sind.

Soweit ich weiß, ist der Vorstand im Urlaub, sodaß dem auch in mir kochenden Wunsch, daß es eine sofortige Aufklärung der Dinge gibt, nicht entsprochen werden wird. Ich halte die Kündigung von Jürgen Jankofsky für den absoluten Super-GAU in der Literatur des Landes – es wird nichts mehr so sein, wie es war. Vom Procedere her deutet alles auf eine von langer Hand geplante Intrige, die mit Bedacht gesetzten kompromittierenden Sätze und der Umstand, daß diverse Instanzen lange vor den FBK-Mitgliedern informiert wurden, deuten darauf. Sollte sich das bewahrheiten, ist das das Ende des Vereins in der Form, und mit Recht.

Ich glaube wie einige Kollegen und Freunde, daß es in naher Zukunft keinen arbeitsfähigen FBK mehr im Land geben wird. Mit meiner Unterschrift unter den Brief von Ludwig Schumann und Harry Ziethen habe ich mich gemeinsam mit vielen Kollegen aus mehreren Ländern solidarisch erklärt und fordere Aufklärung – vor allem die einfachen Mitglieder des FBK sehe ich bewußt im Dunkel gelassen. Ich erwarte, daß die Sache sofort aufgeklärt wird. Dafür ist eine schnelle Mitgliederversammlung, die bei diesem gravierenden Einschnitt vonnöten ist, einzuberufen, im August und im September ist es dafür eigentlich schon viel zu spät. Ich habe mir mit dieser Forderung allerdings bereits die Zunge verbrannt, so daß ich weiß, daß das gar nicht gewünscht ist.

Was auch immer vorgefallen sein soll, bisher sind nur Spuren ausgelegt, die dazu dienen, dem Ansehen Jürgen Jankofskys zu schaden. Das ist unredlich. Eigentlich ist es so, daß im Herbst die 100. Ausgabe der ODA erscheinen sollte. Dazu müßte sie in Kürze in den Druck. Da es nun keinen Herausgeber mehr gibt und ich nicht absehen kann, wie sich das entwickelt, stelle ich die Arbeit als Chefredakteur bis auf Weiteres ruhend. Ich befürchte, daß das Heft nicht (rechtzeitig) erscheinen kann unter solchen Umständen.

Schon gar nicht wüßte ich, was in dem Editorial einer solchen Ausgabe zu schreiben wäre, wenn man ein ehrlicher Typ ist und bleiben will. An sich sollte es eine Ausgabe sein, die die Literatur feiert und daß es ODA gelungen ist, durchzuhalten und zu wachsen. Was eben auch und in großem Maße das Verdienst von Janko, der seit 2005 als Herausgeber fungierte, ist.

Mein Vertrauen in das, was die Literaturförderung und -öffentlichkeit in Sachsen-Anhalt war, ist erschüttert angesichts der Entwicklungen und der Geheimhaltung, mit der diese moderiert oder eben nicht moderiert werden. Es gibt im Moment leider auch keine objektive Berichterstattung seitens der Presse, sodaß diese existenzielle Situation in der Literatur des Landes letztlich dazu dient, das Sommerloch in diesem heißen Monat zu füllen. Festzustellen ist aber, daß alle Errungenschaften der letzten zwei Jahrzehnte nun auf den Prüfstand kommen und mit ihnen die Arbeit auch in der Kinder- und Jugendförderung wie auch die Gewährleistung von Landesaufgaben, erfolgreiche Unterfangen wie die Interlese, Landesliteraturtage, Sonneck und ODA darunter.

Ich bin mit Jürgen Jankofsky seit über zwanzig Jahren befreundet, ich habe mit ihm stets vertrauensvoll gearbeitet und weiß von der Wertschätzung für seine Arbeit von Arendsee bis Jerewan, von Zeitz bis Stepanakerd. Sie ist auch absolut angebracht, ich hege sie selbst. Ich habe seine Zuverlässigkeit und uneigennützige Obsession, die Literatur des Landes nach vorne zu bringen, stets geschätzt und schätze sie noch. Was er für Sachsen-Anhalt und seit einer Reihe von Jahren auch überregional und international leistet, ist von einem unschätzbaren Wert. Andere bekommen für Geringeres einen Orden. Ich kann, will und werde nicht glauben, daß sein Ansehen und seine Leistungen plötzlich so anzweifelbar und wertlos sein sollen. Es erscheint mir völlig absurd.

In Fall der Fälle war es mir eine Ehre, für ODA im Einsatz zu sein. Ohne eine Klärung der Dinge wird es das nicht mehr sein.

André Schinkel

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Offener Brief an die Vorstandsvorsitzende des Friedrich-Bödecker-Kreises in Sachsen-Anhalt

Sehr geehrte Frau Iser,

in der letzten Woche schrieb Jürgen Jankofsky in einer Rund-E-Mail, dass er ohne Angabe von Gründen entlassen worden sei, und das kurz vor seiner Rente! Das hatte gesessen, für mich ist eine Welt zusammengebrochen. Heute lese ich in der MZ einen Artikel von Kai Agthe, in dem von „schwerwiegenden Vorkommnissen“ die Rede ist, ohne diese „Vorkommnisse“ auch nur im Ansatz zu erläutern. Ich muss zugeben, ich weiß nichts von diesen „Vorkommnissen“, und offenbar weiß auch Kai Agthe nichts Konkretes, zitiert aber „Es gab schwerwiegende Vorkommnisse des Geschäftsführers gegenüber unserer langjährigen Referentin […]“. Das ist wunderbar schwammig. Es diskreditiert zum einen Jürgen Jankofsky (auf ewig, da solche Nachrichten in den Suchmaschinen nicht wieder verschwinden), zum anderen schafft es dem Vorstand (zumindest nach außen hin) ein Schlupfloch, falls das Ganze doch nach hinten losgeht.

Meines Erachtens ist diese Gesamtsituation, insbesondere das Verhalten des Vorstands des Friedrich-Bödecker-Kreises, erbärmlich, denn anstatt „weiteren Schaden abzuwenden“, liegt nun ein Totalschaden vor. Die einzelnen Mitglieder des Vorstandes sollten sich schämen. Über die Bedeutung von Jürgen Jankofsky für das Bundesland Sachsen-Anhalt brauchen wir nicht reden. Er hätte das Bundesverdienstkreuz verdient und erhält stattdessen eine medienwirksame und gleichermaßen rufschädigende Entlassung, sodass mich hier der Verdacht beschleicht, dass hier wohl ein konspiratives Motiv zugrunde lag. Jankofsky zählt zu jenen, die den Mund aufmachen. Vielleicht war er zu unbequem? Er war seiner Aussage nach gewillt, den FBK weiterhin aufbauend zu unterstützen. Vielleicht sollte sein Abschied forciert werden, da er dem einen oder anderen (zu lange) im Wege stand. Vielleicht war er auch einfach „zu teuer“ oder hatte zu viele eigene Ideen. Alles Mutmaßungen … Im Übrigen ist es nicht minder Verwerflich, zuerst andere Verbände und die Presse zu informieren, bevor die eigenen Mitglieder des FBK informiert werden, sofern die Mitglieder überhaupt eine gesonderte Information erhalten. Was ist das für ein Vorstand, der maximal intransparent arbeitet und gleichermaßen Lebenswerke vernichtet?

Ich sehe schwarz für die Literatur des Landes Sachsen-Anhalt ohne Jürgen Jankofsky und bedauere sein Ausscheiden sehr. Die Konsequenzen werden nicht lange auf sich warten lassen. Die Schreibwerkstätten mit Wilhelm Bartsch wird es ab 2019 nicht mehr geben. Die Nachwuchsschriftstellertreffen in Sonneck oder ähnlichen Einrichtungen gehören der Vergangenheit an (ein herber Verlust!). Ort der Augen wird an Bedeutung verlieren und wieder zu einem Provinzblatt verkommen. Insgesamt hat der Vorstand des Friedrich-Bödecker-Kreises des Landes Sachsen-Anhalt weder Jürgen Jankofsky noch der Literatur im Land Sachsen-Anhalt einen Gefallen getan.

Mit freundlichen Grüßen

Thomas Rackwitz

Blankenburg, 10.7.2018

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Schullesung

Gestern durfte ich im Gymnasium am Thie in Blankenburg lesen, nachdem es vor einigen Wochen aufgrund des hitzefreien Nachmittags nicht geklappt hatte. Mir hat es Spaß gemacht. Ich denke und hoffe, dass es den Schülern ähnlich erging, zumindest einigen. ;-) Ach ja, gestern war mein Gedicht dass ich erblinde bemerkte ich erst der Text des Tages auf Fixpoetry.com.

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im traum der dich nicht schlafen lässt – Rezension von Cordula Scheel

Thomas Rackwitz – Gedichte
im traum, der dich nicht schlafen lässt
© chiliverlag, 1. Aufl. Januar 2018
ISBN 978-3-943292-60-2

Sind die Gedichte von Thomas Rackwitz eine Suche nach Identität? Ein Versuch, seinen Ort zu finden, einzuwurzeln?

Der Buchumschlag ein Traum, der uns nicht schlafen lässt, ein kahler Baum mitten im Meer, schwarz im Indigo der Nacht, die sich erhellt im Licht des Vollmonds, den Fisch erleuchtet, der zu ihm emporspringt.  Eine magische Szene. Thomas Rackwitz ruft die tief in uns verankerten mythischen Bilder auf, klopft sie ab auf ihre Gültigkeit. Geben sie auch heute eine Antwort auf die großen Seinsfragen? „der traum, den du begreifst, den gibt es nicht / als feuer, das die zeit umkehrt. / geschrieben steht die zeit dir ins gesicht. / wenn sich das nichts von selbst zerstört. / am anfang war der schlaf, der halbe tod.“

Wir sind mitten in den Vorstellungen des antiken Griechenlands, bei Morpheus, des Todes Bruder, dem Zwilling des Thanatos. Das Gedicht schließt mit den Versen: „seit du dich mehr und mehr verzweigst, / wächst du nach innen in die sterblichkeit.“
Leben und Tod, es geht um den Weg. Wie kann er gelingen? Um hinüber zu gelangen in die Zeit nach dem Sterben, um hineinzukommen in den Ort, den sie Hades nannten oder Orkus, gilt es, den dreiköpfigen Wachhund Zerberus zu besänftigen. Vorher aber müssen wir etwas im Leben erworben haben, das Fährgeld für Charon unter der Zunge tragen, den obolus: „wir sind verloren ohne obolus. / zu leicht verspielt“ – „Was schulden wir? / was vor uns liegt? was dreifach bellt …“

Dass wir am Ende unserer Tage etwas hinüberzubringen haben in die Transzendenz, ist ein Gedanke, der sich durch die Zeiten zieht, sich in den Religionen wiederfindet. Wir haben die Aufgabe, mit unseren Talenten zu wuchern, ein Mehr hinzuzufügen, den goldenen Apfel ins Paradies zurückzubringen. „Grün ist des Lebens goldener Baum“, heißt es bei Goethe.

Thomas Rackwitz kennt sich aus mit Sprache, mit ihren Bildern. Er bringt sie zum Klingen, setzt so gekonnt wie unauffällig Reime, seine Sonette kommen wunderbar leicht daher, sodass wir sie nicht gleich als kunstvolle Form erkennen. Als Gedicht liest sich selbst das Inhaltsverzeichnis. Gibt es in Abschnitt I noch Überschriften, so nimmt jedes neue Gedicht der Teile II, V und VI die Endzeile des vorangegangenen Gedichts auf, führt den Gedanken fort. So entsteht eine fast atemlose Intensität, eine Spannung, wie wird es Thomas Rackwitz gelingen, das Ende seines Gedichts, die Frucht, unmittelbar als Beginn weiterzuführen?

„nach dem sprung aus traum und zeit“ gehen wir zurück „bis zum meer in seiner mondschwermut“. … „nichts ist so kostbar wie der schlaf, / der dir nicht mehr gehört.“
Tröstet die Imagination? Was geht verloren, was bleibt? „wir fliehen rastlos durch die welt, / der wir misstraun wie uns die tiere / entwertet unser wechselgeld, / gefälscht die zukunft, die papiere. / wie wertlos alles ist ohne bezug.“

Findet sich dieser innere Rückhalt in den Gedichten? Was auch immer die Zeichen spiegeln, von denen Thomas Rackwitz‘ Bilder sprechen, sie fallen in Traum und Zeit zurück. Er beschwört in seinen Gedichten die Imagination einer angehaltenen Zeit. Wo mündet sie? Das Ziel ist ins Innere, ins Unruhige verschoben. Es erscheint im Schlaf, „nichts ist so kostbar wie der schlaf“. Hier wird Unbewiesenes erfahrbar, findet seinen Ort. Das Gedicht kann es in Sprache fassen. „Was das Gedicht nicht zu sagen vermag, ist der Rede nicht wert“, sagt Thomas Rackwitz. Kehren wir seinen Satz ins Positive. Seine Gedichte leben in der offenen Spiegelung der angehaltenen Zeit. Wir ahnen, dass sie auch uns betreffen. Thomas Rackwitz‘ Gedichtband im traum, der dich nicht schlafen lässt verdient sehr große Aufmerksamkeit.

Hamburg, den 5.5.2018
Cordula Scheel

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