Gedicht der Woche XXIII

dreizehntausend tage in den knochen

wie viele tiere habe ich verschlungen
wie viele früchte ausgeweidet
wie viele quellen leergetrunken
um hier zu sein im kurzen gleichgewicht
der dinge die sich für mich fügen
im sternbild der vergessenheit
alles was ich übersah
trägt dazu bei dass ich erblinde
der wind mich endlich sieht
das tote aus mir spricht über
hand nimmt die erinnerung
an das nichts das mich lenkt
den wünschen werd ich nie mehr herr
weiß nicht zu unterscheiden
was falsch was wichtig ist
noch hält die stimme
all mein blut zusammen
ufert das fremde in mir
hinterlasse ich noch spuren
in den leiser werdenden träumen

(2017, unveröffentlicht)

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Gedicht der Woche (XXII)

so lange, bis die welt sich selbst erkennt
im tiefseeblau des unvollkommnen schnees,
als fresko in den wolken, drehmoment
des zeitgeists ungestalt, gefäß,
als raum und trauma und herbarium
aus stimmen, die in schmetterlingen reifen,
bleibt uns der traum refugium.
so lange trösten endlosschleifen.
wer bist du, wenn du nicht bist, was du wirst?
wem glaubst du, wenn du aufhörst, anzufangen,
weil du das bessre ende kennst? wann zeigst
du dich, indem du dich verirrst
in einer welt, die blind ist vor verlangen,
seit du dich mehr und mehr verzweigst?

(aus: im traum der dich nicht schlafen lässt. chiliverlag, Verl 2018.)

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Gedicht der Woche (XXI)

agb

indem sie diese zeile lesen
erkennen sie das gesetz dieses gedichts an

indem sie diese zeile lesen
sind sie ein teil des gedichts
und machen sich strafbar
wenn sie dies leugnen

indem sie diese zeile lesen
befürworten sie die unredlichkeit
zwischen den zeilen
die systematische kolonialisierung des alphabets

indem sie diese zeile lesen
verpflichten sie sich a)
zur verschwiegenheit gegenüber den toten
unbetonten silben b) zur weitergabe ihrer persönlichen
informationen an das lyrische ich und c)
zur übertragung ihrer persönlichkeitsrechte
während der lektüre

indem sie sich weigern diese zeile zu lesen
bekennen sie sich schuldig
ein verräter des gedichts zu sein
sei es aus mangel an kultiviertheit
oder verstand einschließlich aber nicht beschränkt
auf geistige abwesenheit

indem sie diese zeile vergessen
stimmen sie zu die allgemeinen gedichtsbedingungen
erneut zu lesen

indem sie diese zeile lesen
räumen sie dem gedicht die uneingeschränkten
nutzungsrechte an ihnen ein
gewähren sie dem gedicht
in ihrem kopf zu bleiben

(2011)

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Gedicht der Woche (XX)

umsonst

fehlt dir der kostbare sinn für gedichte was kümmert’s die dichter
nützt nichts der treffendste vers dann soll es eben so sein

(2013)

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Gedicht der Woche XIX

weil du mich müde machst geh ich dir nah
bist nacht mir überm meer bist stimme allem kalten
du gleichst der tiefsten luft die ich je sah
ich brandete an händen die mich halten

wie lieb ich dich da du dich mir entziehst
sobald in deinen armen ich erwache
glaub ich zu sehn was du vor mir verschließt
ergründe zügig ich der zungen sprache

an deinem hafen unweit fremder zwänge
verstecke ich die zeit um hier zu bleiben
und fühle nur die ferne die mich führt

im mund die früchte früherer gesänge
vergessen wir das licht und lassen leicht uns treiben
auf dass ein traum den anderen berührt

(aus: im traum der dich nicht schlafen lässt. chiliverlag, Verl 2018.)

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Gedicht der Woche (XVIII)

dilemma

mit stress im herzen ging ich einst zum arzt …
vier jahre her. kaum zeit für anamnese,
diagnosestellung, menschlichkeit.
er sah mich an, als wäre ich verhartzt.
hoffend, dass er vom leiden mich erlöse,
sah ich darüber weg. er stellte sich gescheit.
es wurde nach sekunden nichts gefunden,
weshalb was psychisches am nächsten lag
(die rechnung kam auch prompt am folgetag).
ein lapidarer nebensatz: man riet zur therapie.
ich lachte damals drüber und verzieh
bis heute, als ich mich versichern lassen wollte,
um für den fall – berufsunfähig – noch zu leben …
ich ackerte stets härter, als ich sollte,
ist’s dann nicht besser, gleich den löffel abzugeben?
denn dem versicherer war’s zu riskant!
er lehnte ab. dabei liegt’s auf der hand:
wer faul ist, der bleibt ungestresst.
den würde man versichern. das steht fest.

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im traum der dich nicht schlafen lässt – Rezension von Cordula Scheel

Thomas Rackwitz – Gedichte
im traum, der dich nicht schlafen lässt
© chiliverlag, 1. Aufl. Januar 2018
ISBN 978-3-943292-60-2

Sind die Gedichte von Thomas Rackwitz eine Suche nach Identität? Ein Versuch, seinen Ort zu finden, einzuwurzeln?

Der Buchumschlag ein Traum, der uns nicht schlafen lässt, ein kahler Baum mitten im Meer, schwarz im Indigo der Nacht, die sich erhellt im Licht des Vollmonds, den Fisch erleuchtet, der zu ihm emporspringt.  Eine magische Szene. Thomas Rackwitz ruft die tief in uns verankerten mythischen Bilder auf, klopft sie ab auf ihre Gültigkeit. Geben sie auch heute eine Antwort auf die großen Seinsfragen? „der traum, den du begreifst, den gibt es nicht / als feuer, das die zeit umkehrt. / geschrieben steht die zeit dir ins gesicht. / wenn sich das nichts von selbst zerstört. / am anfang war der schlaf, der halbe tod.“

Wir sind mitten in den Vorstellungen des antiken Griechenlands, bei Morpheus, des Todes Bruder, dem Zwilling des Thanatos. Das Gedicht schließt mit den Versen: „seit du dich mehr und mehr verzweigst, / wächst du nach innen in die sterblichkeit.“
Leben und Tod, es geht um den Weg. Wie kann er gelingen? Um hinüber zu gelangen in die Zeit nach dem Sterben, um hineinzukommen in den Ort, den sie Hades nannten oder Orkus, gilt es, den dreiköpfigen Wachhund Zerberus zu besänftigen. Vorher aber müssen wir etwas im Leben erworben haben, das Fährgeld für Charon unter der Zunge tragen, den obolus: „wir sind verloren ohne obolus. / zu leicht verspielt“ – „Was schulden wir? / was vor uns liegt? was dreifach bellt …“

Dass wir am Ende unserer Tage etwas hinüberzubringen haben in die Transzendenz, ist ein Gedanke, der sich durch die Zeiten zieht, sich in den Religionen wiederfindet. Wir haben die Aufgabe, mit unseren Talenten zu wuchern, ein Mehr hinzuzufügen, den goldenen Apfel ins Paradies zurückzubringen. „Grün ist des Lebens goldener Baum“, heißt es bei Goethe.

Thomas Rackwitz kennt sich aus mit Sprache, mit ihren Bildern. Er bringt sie zum Klingen, setzt so gekonnt wie unauffällig Reime, seine Sonette kommen wunderbar leicht daher, sodass wir sie nicht gleich als kunstvolle Form erkennen. Als Gedicht liest sich selbst das Inhaltsverzeichnis. Gibt es in Abschnitt I noch Überschriften, so nimmt jedes neue Gedicht der Teile II, V und VI die Endzeile des vorangegangenen Gedichts auf, führt den Gedanken fort. So entsteht eine fast atemlose Intensität, eine Spannung, wie wird es Thomas Rackwitz gelingen, das Ende seines Gedichts, die Frucht, unmittelbar als Beginn weiterzuführen?

„nach dem sprung aus traum und zeit“ gehen wir zurück „bis zum meer in seiner mondschwermut“. … „nichts ist so kostbar wie der schlaf, / der dir nicht mehr gehört.“
Tröstet die Imagination? Was geht verloren, was bleibt? „wir fliehen rastlos durch die welt, / der wir misstraun wie uns die tiere / entwertet unser wechselgeld, / gefälscht die zukunft, die papiere. / wie wertlos alles ist ohne bezug.“

Findet sich dieser innere Rückhalt in den Gedichten? Was auch immer die Zeichen spiegeln, von denen Thomas Rackwitz‘ Bilder sprechen, sie fallen in Traum und Zeit zurück. Er beschwört in seinen Gedichten die Imagination einer angehaltenen Zeit. Wo mündet sie? Das Ziel ist ins Innere, ins Unruhige verschoben. Es erscheint im Schlaf, „nichts ist so kostbar wie der schlaf“. Hier wird Unbewiesenes erfahrbar, findet seinen Ort. Das Gedicht kann es in Sprache fassen. „Was das Gedicht nicht zu sagen vermag, ist der Rede nicht wert“, sagt Thomas Rackwitz. Kehren wir seinen Satz ins Positive. Seine Gedichte leben in der offenen Spiegelung der angehaltenen Zeit. Wir ahnen, dass sie auch uns betreffen. Thomas Rackwitz‘ Gedichtband im traum, der dich nicht schlafen lässt verdient sehr große Aufmerksamkeit.

Hamburg, den 5.5.2018
Cordula Scheel

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Gedicht der Woche (XVII)

vorabend

aus seinem tagebuch zitiert der wind
die wolkenvögel. auf dem weg zur kneipe
versäumt ein mückenschwarm die zeit.
bald zeigt sich kassiopeia unverändert
(das überferne lässt sich nicht zensieren).
als rost die brücke hochkriecht,
die neonlichter baden gehen
im tau zertretnen unkrauts,
immatrikuliert die amsel sich
in der lehranstalt des ahorns,
der artig steht wie einer beim appell.
wie rückt der kiesel eng zusammen!
es fallen schüsse. autos brennen.
auf einem hinterhof gebiert sich krätze,
öffnet sich ein spalt zur unterwelt.
kaffee wird aufgebrüht im orkus:
die nacht wird lang. der plan muss sitzen.
der waffenstillstand endet heute abend.
der pfandbon für das schneckenhaus vergilbt.
geflutet wird der aufwachraum
mit schrillen schreien, gruftdurchtränkt.
ein weg kommt zu sich in der psychiatrie.
verschwendet die ressourcen. selber nie verhungernd
lässt einer sich den krieg erklären.

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Gedicht der Woche (XVI)

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Gedicht der Woche (XV)

es hat sich abgezeichnet dass sich amor wandelt
wer zu viel liebe gibt dem bleibt nichts mehr
verzweifelt ritzt er sich mit wertpapieren
raubt seinen erben die vergangenheit
so ungeliebt wie er ist nur der tod
wenn’s läuft ist alles selbstverständlich
falls nicht trifft ihn der hass der straße
die früchte sollen sich gefälligst selber streicheln
zurück zum anarchismus der natur
ein opfer müsse her wirft ares ein
im schwitzkasten seiner fanatischen schatten
richtet amor schon den sprengstoffgürtel
der nicht erwiderten liebe

(aus: ungeheuerlicht)

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