Gedicht der Woche (XV)

es hat sich abgezeichnet dass sich amor wandelt
wer zu viel liebe gibt dem bleibt nichts mehr
verzweifelt ritzt er sich mit wertpapieren
raubt seinen erben die vergangenheit
so ungeliebt wie er ist nur der tod
wenn’s läuft ist alles selbstverständlich
falls nicht trifft ihn der hass der straße
die früchte sollen sich gefälligst selber streicheln
zurück zum anarchismus der natur
ein opfer müsse her wirft ares ein
im schwitzkasten seiner fanatischen schatten
richtet amor schon den sprengstoffgürtel
der nicht erwiderten liebe

(aus: ungeheuerlicht)

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Gedicht der Woche (XIV)

die nacht in der sich vater erhängte

die nacht in der sich vater erhängte
war eine wie jede andere auch
ich konnte mich nicht erinnern
woran ich mich erinnern wollte
also wünschte ich mir
mich an etwas zu erinnern
was wirklich zählt

es war sommer es war schon spät
für einen wie mich
ich aß ohne hunger zu haben
die halbe nacht lang
weil es mir versagt war zu schlafen
im gewieher des fernsehers
mit dem ich das einsame zimmer teilte
er war mein bester freund zu jener zeit

draußen streifte ein wind
den ich einzig in den atempausen
des fernsehers zu hören glaubte
entlang an dem verfallenden lebenswerk
meiner vorfahren
deren namen ich vergaß
oder niemals kannte

er verhöhnte mich
in der sprache meiner kindheit
die ich abgelegt hatte
um so zu sprechen wie einer
dem man nicht trauen kann
auf dem dorf das mir nie geheuer war
dessen bewohner ihr schweigen
nur zum grüßen unterbrachen
als ob sie etwas wissen würden
was sie nicht verstehen durften
und sich daher mit ihrem schweigen bestraften

immer wirkten ihre augen so müde
wie das licht
wenn es kurz vor der dämmerung einfällt
in einen verlassenen cañon

in der nacht in der sich vater erhängte
war mir alles andere wichtiger
als in den schlaf zu finden

ich kann sie noch hören
die vögel
wie sie über ihn herzogen
ohne dass ich ihre laute
wirklich annähernd verstand

inzwischen aber glaube ich
vermag ich sie zu verstehen
wenn sie mich heimsuchen
sich heiser schreien
in meinen träumen
wie in jener nacht
als auch sie nicht schliefen

(aus: ausgrabungen am offenen herzen. Hallesche Autorenhefte 61, Halle 2015.)

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Gedicht der Woche (XIII)

ES ENDETE NOCH VOR BEGINN DIE REISE:
weil alles, was geschah, nur vor sich ging.
das haus zu leicht. die haut zu leise,
als sich mein wort in deinem mund verfing.
wir wuchsen drängender als yggdrasil
und dachten nicht daran, hier anzukommen.
in jener nacht vergaß sich unser spiel.
wir fühlten uns so ausweglos benommen.
gelegt der zugang – weit entfernt die welt.
die zeit vergebens, wenn man sie betrachtet.
wir atmeten viel schöner, arbiträr.
gelobt das nichts, das uns für seinesgleichen hält.
es stimmt, wie lange haben wir darauf geachtet …
was uns verfluchte, weiß von uns nichts mehr.

(aus: encyclopedia erotica, noch in Bearbeitung)

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Lesung im Literaturhaus Halle

Nicht vergessen … Am nächsten Dienstag (17.4.2018) lese ich ab 19 Uhr im Literaturhaus Halle (im sog. “Grünen Salon”). Moderiert wird die Lesung von Ralf Meyer.

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Gedicht der Woche (XII)

der europäische gedanke

I

was bringt die europäische union
zunächst einmal innovation
wenn auch gemächlich und nicht immer logisch
man lobt sich selbst als pädagogisch
gibt sich idiotisch patriotisch
schafft arbeitsplätze denkt sich quoten
beschließt gesetze für die toten
und feiert seine eigne schnellkraft
vermehrt die schulden stück für stück
vergisst nicht selten die gesellschaft
verliert die zukunft aus dem blick
doch nie die wirtschaftsinteressen
man ist so einfach zu erpressen

II

was bringt die europäische union
sanktionskultur und korruption
auf ewig gibt’s die kolonien
den armen schenkt man ritalin
die andren gilt es dumm zu mästen
wer brotlos ist der esse kuchen
man ist nobelpreissaturiert
im geldvernichtungszweckverein
muss nichts beweisen nichts versuchen
die hilfspakete sind geschnürt
ein tropfen auf den kalten stein

III

was bringt die europäische union
mehr scheinkontrolle dumpinglohn
zu viele faule kompromisse
und weniger gewissensbisse
mehr unsinn in den parlamenten
doch keine aussicht mehr auf renten
den banken gilt die wahre treue
im arschkriechtunnel wird es enger
geplündert wird so oft aufs neue
die böden können nicht mehr länger
im babel der entscheidungsfindung
bei argusäugiger erblindung
weiß man sich selbst nur zuzuhören
es gilt die ignoranz zu stören

IV

was bringt die europäische union
big-data-ganbang-subvention
ein stolzes heer an bürokraten
gerede sparzwang munition
und stubenreine diplomaten
für all die teilzeit-schurkenstaaten
kein steuergeld aus übersee
und altpapier ins portemonnaie
es braucht noch mehr an regulierung
zum beispiel für den blödheitsfaktor
hoch lebe die konzernregierung
im umweltfernen kernreaktor
statt umzudenken bleibt’s beim alten
der geier lebt von seiner gier
es gilt so vieles aufzuhalten
anstatt der taschen doch wofür
es lässt sich alles totverwalten
der nächste krieg steht vor der tür

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Gedicht der Woche (XI)

nach den vorbildern

tranströmerte im ingerwald der christensen
als poearpkoch hilbigerer gestalt
zu kunst hat’s dlernernd nicht gereicht
und baudelairte mich szymborskaleicht
und bartschte mich erpietraßt schinkelnd
novalisierte rilkte und bemuckte
klabündelnd traklisch bachmannid
verklopstockte mich bennblausüd
geblaket ins bauernde lavantium
bei aller mandelstamina
jesseninieur cobaingesumm
beim kirschkernknirschengustafsson
mcdanielte der böhmeton
verkrügerte mein lumpenwissen
ganz audend heymlich skacellös
verrimbaudlenzt mit ancelrissen

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Gedicht der Woche (X)

rationalhymne

wir deutschen neigen oft zum eigenlob,
selbst wenn die suppe wir versalzen,
und halten’s schon für xenophob,
wenn wir mit braver zunge schnalzen.

wir deutschen sind zutiefst hysterisch,
wann immer es um kleinkram geht.
der populismus stinkt chimärisch.
ach, himmel, arsch und zugenäht!

wir deutschen schimpfen laut: sanktionen
für alle andren unrechtsstaaten.
dabei ist das, worin wir wohnen,
nicht immer allzu wohlgeraten.

wir deutschen schelten oft die andern
kulturen, die wir nicht verstehn,
und merken kaum, es unterwandern
konzerne uns wie tausendschön …

wir deutschen, wir sind demokraten,
doch zählt allein die dividende.
dukatenscheißer und primaten –
wann folgt die lang ersehnte wende?

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Gedicht der Woche (IX)

vorbeirausch

dir zuzusehen
wie du mit bausteinen
stonehenge nachbaust
ohne es zu kennen
noch keine sechs jahre
eben dem tode entrissen
bei deiner geburt
ein atemloses wesen
uns bleibt der vorbeirausch
das staunen
wie du dich entwickelst
den uns vertrauten formen entwächst
mühelos dir wissen aneignest
und so das mühelose langsam verlierst

(für Fine)

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dass du so müde bist ist nicht mehr schlimm

Das Gedicht dass du so müde bist ist nicht mehr schlimm aus meinem aktuellen Gedichtband im traum der dich nicht schlafen lässt wurde heute im vom DAS GEDICHT präsentierten Blog Fremdgehen, jung bleiben von Stefanie Lux besprochen. Näheres findet sich hier.

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Gedicht der Woche (VIII)

WENN ES WAS GIBT, DAS ICH NICHT LASSEN KANN:
ich will vergessen, was ich nicht beginnen wollte,
bist du die welt, bin ich ihr untertan,
halt ich das blut, das in dir fließen sollte.
wenn es, was gibt, in der erinnerung verbleibt,
kommt das gedicht zur welt, die abstirbt im gedicht.
ich will vergessen, was mein denken einverleibt.
die gründe meines daseins zählen nicht.
ich zähle weiter, ich ein abzählreim der welt,
gebunden an die schwerkraft meines geists
im herzen lerner, baudelaire, novalis.
immer ist anfang, alles ist verstellt.
vielleicht bin ich nur eine (ich spüre, mich zerreißts)
verkörprung von aurora borealis.

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