Gedicht der Woche XIX

weil du mich müde machst geh ich dir nah
bist nacht mir überm meer bist stimme allem kalten
du gleichst der tiefsten luft die ich je sah
ich brandete an händen die mich halten

wie lieb ich dich da du dich mir entziehst
sobald in deinen armen ich erwache
glaub ich zu sehn was du vor mir verschließt
ergründe zügig ich der zungen sprache

an deinem hafen unweit fremder zwänge
verstecke ich die zeit um hier zu bleiben
und fühle nur die ferne die mich führt

im mund die früchte früherer gesänge
vergessen wir das licht und lassen leicht uns treiben
auf dass ein traum den anderen berührt

(aus: im traum der dich nicht schlafen lässt. chiliverlag, Verl 2018.)

Veröffentlicht unter Gedicht der Woche | Verschlagwortet mit , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Gedicht der Woche (XVIII)

dilemma

mit stress im herzen ging ich einst zum arzt …
vier jahre her. kaum zeit für anamnese,
diagnosestellung, menschlichkeit.
er sah mich an, als wäre ich verhartzt.
hoffend, dass er vom leiden mich erlöse,
sah ich darüber weg. er stellte sich gescheit.
es wurde nach sekunden nichts gefunden,
weshalb was psychisches am nächsten lag
(die rechnung kam auch prompt am folgetag).
ein lapidarer nebensatz: man riet zur therapie.
ich lachte damals drüber und verzieh
bis heute, als ich mich versichern lassen wollte,
um für den fall – berufsunfähig – noch zu leben …
ich ackerte stets härter, als ich sollte,
ist’s dann nicht besser, gleich den löffel abzugeben?
denn dem versicherer war’s zu riskant!
er lehnte ab. dabei liegt’s auf der hand:
wer faul ist, der bleibt ungestresst.
den würde man versichern. das steht fest.

Veröffentlicht unter Gedicht der Woche | Verschlagwortet mit , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

im traum der dich nicht schlafen lässt – Rezension von Cordula Scheel

Thomas Rackwitz – Gedichte
im traum, der dich nicht schlafen lässt
© chiliverlag, 1. Aufl. Januar 2018
ISBN 978-3-943292-60-2

Sind die Gedichte von Thomas Rackwitz eine Suche nach Identität? Ein Versuch, seinen Ort zu finden, einzuwurzeln?

Der Buchumschlag ein Traum, der uns nicht schlafen lässt, ein kahler Baum mitten im Meer, schwarz im Indigo der Nacht, die sich erhellt im Licht des Vollmonds, den Fisch erleuchtet, der zu ihm emporspringt.  Eine magische Szene. Thomas Rackwitz ruft die tief in uns verankerten mythischen Bilder auf, klopft sie ab auf ihre Gültigkeit. Geben sie auch heute eine Antwort auf die großen Seinsfragen? „der traum, den du begreifst, den gibt es nicht / als feuer, das die zeit umkehrt. / geschrieben steht die zeit dir ins gesicht. / wenn sich das nichts von selbst zerstört. / am anfang war der schlaf, der halbe tod.“

Wir sind mitten in den Vorstellungen des antiken Griechenlands, bei Morpheus, des Todes Bruder, dem Zwilling des Thanatos. Das Gedicht schließt mit den Versen: „seit du dich mehr und mehr verzweigst, / wächst du nach innen in die sterblichkeit.“
Leben und Tod, es geht um den Weg. Wie kann er gelingen? Um hinüber zu gelangen in die Zeit nach dem Sterben, um hineinzukommen in den Ort, den sie Hades nannten oder Orkus, gilt es, den dreiköpfigen Wachhund Zerberus zu besänftigen. Vorher aber müssen wir etwas im Leben erworben haben, das Fährgeld für Charon unter der Zunge tragen, den obolus: „wir sind verloren ohne obolus. / zu leicht verspielt“ – „Was schulden wir? / was vor uns liegt? was dreifach bellt …“

Dass wir am Ende unserer Tage etwas hinüberzubringen haben in die Transzendenz, ist ein Gedanke, der sich durch die Zeiten zieht, sich in den Religionen wiederfindet. Wir haben die Aufgabe, mit unseren Talenten zu wuchern, ein Mehr hinzuzufügen, den goldenen Apfel ins Paradies zurückzubringen. „Grün ist des Lebens goldener Baum“, heißt es bei Goethe.

Thomas Rackwitz kennt sich aus mit Sprache, mit ihren Bildern. Er bringt sie zum Klingen, setzt so gekonnt wie unauffällig Reime, seine Sonette kommen wunderbar leicht daher, sodass wir sie nicht gleich als kunstvolle Form erkennen. Als Gedicht liest sich selbst das Inhaltsverzeichnis. Gibt es in Abschnitt I noch Überschriften, so nimmt jedes neue Gedicht der Teile II, V und VI die Endzeile des vorangegangenen Gedichts auf, führt den Gedanken fort. So entsteht eine fast atemlose Intensität, eine Spannung, wie wird es Thomas Rackwitz gelingen, das Ende seines Gedichts, die Frucht, unmittelbar als Beginn weiterzuführen?

„nach dem sprung aus traum und zeit“ gehen wir zurück „bis zum meer in seiner mondschwermut“. … „nichts ist so kostbar wie der schlaf, / der dir nicht mehr gehört.“
Tröstet die Imagination? Was geht verloren, was bleibt? „wir fliehen rastlos durch die welt, / der wir misstraun wie uns die tiere / entwertet unser wechselgeld, / gefälscht die zukunft, die papiere. / wie wertlos alles ist ohne bezug.“

Findet sich dieser innere Rückhalt in den Gedichten? Was auch immer die Zeichen spiegeln, von denen Thomas Rackwitz‘ Bilder sprechen, sie fallen in Traum und Zeit zurück. Er beschwört in seinen Gedichten die Imagination einer angehaltenen Zeit. Wo mündet sie? Das Ziel ist ins Innere, ins Unruhige verschoben. Es erscheint im Schlaf, „nichts ist so kostbar wie der schlaf“. Hier wird Unbewiesenes erfahrbar, findet seinen Ort. Das Gedicht kann es in Sprache fassen. „Was das Gedicht nicht zu sagen vermag, ist der Rede nicht wert“, sagt Thomas Rackwitz. Kehren wir seinen Satz ins Positive. Seine Gedichte leben in der offenen Spiegelung der angehaltenen Zeit. Wir ahnen, dass sie auch uns betreffen. Thomas Rackwitz‘ Gedichtband im traum, der dich nicht schlafen lässt verdient sehr große Aufmerksamkeit.

Hamburg, den 5.5.2018
Cordula Scheel

Veröffentlicht unter Allgemein, Veröffentlichungen | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Gedicht der Woche (XVII)

vorabend

aus seinem tagebuch zitiert der wind
die wolkenvögel. auf dem weg zur kneipe
versäumt ein mückenschwarm die zeit.
bald zeigt sich kassiopeia unverändert
(das überferne lässt sich nicht zensieren).
als rost die brücke hochkriecht,
die neonlichter baden gehen
im tau zertretnen unkrauts,
immatrikuliert die amsel sich
in der lehranstalt des ahorns,
der artig steht wie einer beim appell.
wie rückt der kiesel eng zusammen!
es fallen schüsse. autos brennen.
auf einem hinterhof gebiert sich krätze,
öffnet sich ein spalt zur unterwelt.
kaffee wird aufgebrüht im orkus:
die nacht wird lang. der plan muss sitzen.
der waffenstillstand endet heute abend.
der pfandbon für das schneckenhaus vergilbt.
geflutet wird der aufwachraum
mit schrillen schreien, gruftdurchtränkt.
ein weg kommt zu sich in der psychiatrie.
verschwendet die ressourcen. selber nie verhungernd
lässt einer sich den krieg erklären.

Veröffentlicht unter Gedicht der Woche | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Gedicht der Woche (XVI)

Veröffentlicht unter Gedicht der Woche | Verschlagwortet mit , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Gedicht der Woche (XV)

es hat sich abgezeichnet dass sich amor wandelt
wer zu viel liebe gibt dem bleibt nichts mehr
verzweifelt ritzt er sich mit wertpapieren
raubt seinen erben die vergangenheit
so ungeliebt wie er ist nur der tod
wenn’s läuft ist alles selbstverständlich
falls nicht trifft ihn der hass der straße
die früchte sollen sich gefälligst selber streicheln
zurück zum anarchismus der natur
ein opfer müsse her wirft ares ein
im schwitzkasten seiner fanatischen schatten
richtet amor schon den sprengstoffgürtel
der nicht erwiderten liebe

(aus: ungeheuerlicht)

Veröffentlicht unter Gedicht der Woche | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Gedicht der Woche (XIV)

die nacht in der sich vater erhängte

die nacht in der sich vater erhängte
war eine wie jede andere auch
ich konnte mich nicht erinnern
woran ich mich erinnern wollte
also wünschte ich mir
mich an etwas zu erinnern
was wirklich zählt

es war sommer es war schon spät
für einen wie mich
ich aß ohne hunger zu haben
die halbe nacht lang
weil es mir versagt war zu schlafen
im gewieher des fernsehers
mit dem ich das einsame zimmer teilte
er war mein bester freund zu jener zeit

draußen streifte ein wind
den ich einzig in den atempausen
des fernsehers zu hören glaubte
entlang an dem verfallenden lebenswerk
meiner vorfahren
deren namen ich vergaß
oder niemals kannte

er verhöhnte mich
in der sprache meiner kindheit
die ich abgelegt hatte
um so zu sprechen wie einer
dem man nicht trauen kann
auf dem dorf das mir nie geheuer war
dessen bewohner ihr schweigen
nur zum grüßen unterbrachen
als ob sie etwas wissen würden
was sie nicht verstehen durften
und sich daher mit ihrem schweigen bestraften

immer wirkten ihre augen so müde
wie das licht
wenn es kurz vor der dämmerung einfällt
in einen verlassenen cañon

in der nacht in der sich vater erhängte
war mir alles andere wichtiger
als in den schlaf zu finden

ich kann sie noch hören
die vögel
wie sie über ihn herzogen
ohne dass ich ihre laute
wirklich annähernd verstand

inzwischen aber glaube ich
vermag ich sie zu verstehen
wenn sie mich heimsuchen
sich heiser schreien
in meinen träumen
wie in jener nacht
als auch sie nicht schliefen

(aus: ausgrabungen am offenen herzen. Hallesche Autorenhefte 61, Halle 2015.)

Veröffentlicht unter Gedicht der Woche | Verschlagwortet mit , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Gedicht der Woche (XIII)

ES ENDETE NOCH VOR BEGINN DIE REISE:
weil alles, was geschah, nur vor sich ging.
das haus zu leicht. die haut zu leise,
als sich mein wort in deinem mund verfing.
wir wuchsen drängender als yggdrasil
und dachten nicht daran, hier anzukommen.
in jener nacht vergaß sich unser spiel.
wir fühlten uns so ausweglos benommen.
gelegt der zugang – weit entfernt die welt.
die zeit vergebens, wenn man sie betrachtet.
wir atmeten viel schöner, arbiträr.
gelobt das nichts, das uns für seinesgleichen hält.
es stimmt, wie lange haben wir darauf geachtet …
was uns verfluchte, weiß von uns nichts mehr.

(aus: enzyklopädie des atems, noch in Bearbeitung)

Veröffentlicht unter Gedicht der Woche | Verschlagwortet mit , , , , , , | Kommentare deaktiviert

Lesung im Literaturhaus Halle

Nicht vergessen … Am nächsten Dienstag (17.4.2018) lese ich ab 19 Uhr im Literaturhaus Halle (im sog. “Grünen Salon”). Moderiert wird die Lesung von Ralf Meyer.

Veröffentlicht unter Termine | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Gedicht der Woche (XII)

der europäische gedanke

I

was bringt die europäische union
zunächst einmal innovation
wenn auch gemächlich und nicht immer logisch
man lobt sich selbst als pädagogisch
gibt sich idiotisch patriotisch
schafft arbeitsplätze denkt sich quoten
beschließt gesetze für die toten
und feiert seine eigne schnellkraft
vermehrt die schulden stück für stück
vergisst nicht selten die gesellschaft
verliert die zukunft aus dem blick
doch nie die wirtschaftsinteressen
man ist so einfach zu erpressen

II

was bringt die europäische union
sanktionskultur und korruption
auf ewig gibt’s die kolonien
den armen schenkt man ritalin
die andren gilt es dumm zu mästen
wer brotlos ist der esse kuchen
man ist nobelpreissaturiert
im geldvernichtungszweckverein
muss nichts beweisen nichts versuchen
die hilfspakete sind geschnürt
ein tropfen auf den kalten stein

III

was bringt die europäische union
mehr scheinkontrolle dumpinglohn
zu viele faule kompromisse
und weniger gewissensbisse
mehr unsinn in den parlamenten
doch keine aussicht mehr auf renten
den banken gilt die wahre treue
im arschkriechtunnel wird es enger
geplündert wird so oft aufs neue
die böden können nicht mehr länger
im babel der entscheidungsfindung
bei argusäugiger erblindung
weiß man sich selbst nur zuzuhören
es gilt die ignoranz zu stören

IV

was bringt die europäische union
big-data-ganbang-subvention
ein stolzes heer an bürokraten
gerede sparzwang munition
und stubenreine diplomaten
für all die teilzeit-schurkenstaaten
kein steuergeld aus übersee
und altpapier ins portemonnaie
es braucht noch mehr an regulierung
zum beispiel für den blödheitsfaktor
hoch lebe die konzernregierung
im umweltfernen kernreaktor
statt umzudenken bleibt’s beim alten
der geier lebt von seiner gier
es gilt so vieles aufzuhalten
anstatt der taschen doch wofür
es lässt sich alles totverwalten
der nächste krieg steht vor der tür

Veröffentlicht unter Gedicht der Woche | Verschlagwortet mit , , , , , , , | Kommentare deaktiviert