Gedicht der Woche (XLVII)

Der Staatsbeamte

Aufgestanden ist er, welcher lange schlief,
Aufgestanden, weil sein Vorgesetzter rief.
Vorm Computer sitzt er ruhig und entspannt
Und der Bleistift fällt ihm müde aus der Hand.

In den mittäglichen Stunden ist’s noch weit
Bis zum Dienstschluss (überbrückt er seine Zeit).
Und im Kühlschrank liegt ein heißersehntes Eis.
Es liegt da. Und es ist seins. Was keiner weiß.

Durch das Telefon zu sprechen ist nicht leicht.
Keine Frage. eine Antwort. Ob das reicht?
In der Ferne glänzt des Pförtners Doppelkinn
Und der Drucker hat gar keine Tinte drin.

Auf die Ordner macht er gelbe Zettel an
Und er sagt sich: so! ich klebe euch jetzt an!
Und es schallt, wenn ihm die Arbeit folgt. Ihn lenkt,
Dass der Vorgesetzte gut nur von ihm denkt.

Einen Turm aus Arbeit hat er angehäuft
Und er hofft, dass ohne ihn nichts weiterläuft.
Zahllos sind die Dokumente im PC,
Doch er kennt sich gar nicht damit aus. O Weh!

Nachmittags belästigt ihn der Sonnenschein,
Durch die Fenster kriechen Winde raus und rein.
Auf dem Bildschirm, den ein Bildschirmschoner schont,
Eine fette grüne Scheißhausfliege thront.

Und mit Akten, die geheim ihm anvertraut,
Er, von Sinnen, auf den dünnen Bildschirm haut
Und das Einzige was an den Akten klebt
Sind die Scherben. Denn die Scheißhausfliege lebt.

Und er jagt sie weiter, macht vor nichts mehr halt,
Nimmt sich eine Klatsche, die noch lauter knallt,
Als in der Akquise einer sprechen kann,
Drum der Vorgesetzte aufschreckt. Nebenan.

Eine große Tat! Die Scheißhausfliege quält
Heute keinen mehr. Ist tot. Ein Flügel fehlt.
Aber riesig sich der Vorgesetzte streckt,
Drohend über ihm der Himmel sich verdeckt,

Aus dem Mantel ihm ein Stenoschreiben fällt;
Für die einen klein, dem andern eine Welt.
Es gewährt ihm noch sehr lang die Tätigkeit;
Er, ein Staatsbeamter. Unsre Sicherheit …

(2004)

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Gedicht der Woche (XLVI)

festmahl

zum letzten festmahl sei ihr aufgetischt
des weines glut. sie kann nicht trinken.
der zander riecht nach ebbe, flut und gischt,
liegt bei oliven, weißbrot, parmaschinken,

papaya, maracuja und granat.
sie aber schüttelt der verfall
und wünscht, es träfe mich an ihrer statt …
was sie auch isst, schmeckt nach metall.

im mund tablettenstaub irrt sie ins bett
und hofft zugleich zu sterben und zu leben.
erdenschwer ihr ikarusskelett.

im dreck die flügel schleifen. violett
die haut kann sie sich nicht erheben
und muss, vom festmahl taub, sich übergeben.

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Gedicht der Woche (XLV)

Diese Woche mal vice versa, eine Nachdichtung ins Englische des Gedichts „Herbsttag“ von Rilke, was eine gefühlte Ewigkeit in der Schublade geschlummert hatte …

Autumn Day

Rainer Maria Rilke

Lord: it is time. The summer was so tall.
Lay upon the sundials all your shadows
and on the meadows conjure up a squall.

Give order to the last fruits to be fine;
let grow them only two more southern days,
force up them to perfection and then place
the final sweetness into heavy wine.

Who doesn’t have a house, won’t build it now.
Who’s lonely still (stays lone without a break)
will write long letters, read or simply wake
and will along the avenues, somehow,
hike anxiously, when all the leaves will quake.

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Gedicht der Woche (XLIV)

leicht

das auge des flusses
spiegelt sich im laub
das laub sich im rauschen
auf der lichtung
verwächst sich die ferne
wäscht der tau fremdgewordene
worte aus den gräsern

wie die zeit in flammen aufgeht

wir zehren von erinnerungen
als ich hinhöre ist es endlich still
es wurde alles gesagt
was sich nicht verschweigen ließe
es wurde nichts gesagt
was uns wirklich anginge

der weg führt zurück
das laub wird leichter
als das auto auf dem es liegt

am ende wiegt das leichte
viel schwerer
verschwindet der fluss

(aus: ausgrabungen am offenen herzen. Hallesche Autorenhefte 61, Halle 2015.)

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Gedicht der Woche (XLIII)

don giovanni, reloaded

die erste nahm ich auf dem stempelkissen
und musste ihren ganzen krempel küssen
sie spitzte schamlos die verwarzten lippen
ich schwitzte bläue und fing an zu nippen

die zweite fand mich auf dem waffeleisen
mit brombeermarmelade übergossen
sie hatte hunger wollte mich verspeisen
ich hab mein pulver viel zu früh verschossen

die letzte trieb mich in die tiefkühltruhe
sie sagte lieb mich heiß sonst hast du keine ruhe
ich schrieb noch in die liste ihre nummer
eintausenddrei seitdem lieg ich beim hummer

(aus: in halle schläft der hund beim pinkeln ein. Gedichte. 2009, Klingenberg,
Verlag im Proberaum 3
)

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Gedicht der Woche (XLII)

Am letzten Freitag hatte ich eine Lesung in Gröbers, genauer gesagt auf dem Osmünder Friedhof in der Dorfkirche St. Petrus. Begleitet wurde die Lesung von Tristan Eissing, seines Zeichens Organist. Eine runde Sache. Die Lesung hat mir wirklich Spaß gemacht, das Publikum war interessiert und aufgeschlossen. Peter Dörheit moderierte die Lesung souverän und führte durch den Abend. Für diese Lesung hatte ich zuvor das folgende Gedicht verfasst:

dorfkirche st. petrus

unweit der abgelaufnen gräber meiner ahnen
steht eine kirche, lange zeit verwittert.
zu lehm geronnen das blut ihrer erbauer.
ein ort für staub und schutt und schwämme.

jüngst aufgerichtet aus ruinen ragt sie endlich
und trägt den himmel sichrer durch sein dunkel.
schleuser den wolken. ihr herz aus vogelstimmen.
refugium für efeu, moos und brombeer.

jahrhunderte entfalten sich im innern.
die worte zuberbiers gehn durch den raum.
sich zu erinnern, heißt auch neuanfang.
bis in das erdreich dringt der orgelklang.

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Gedicht der Woche (XLI)

andalusische katzen

nirgends sah ich solche katzen
wie in den hinterhöfen andalusiens
ihr fell gestrählt vom wind in der sierra

immer zum sprunge bereit
harrten sie aus
als ferge zwischen den zeiten
auf den von der nacht gebrandmarkten steinen
die anderswo grabsteine wären

selbst geschlossenen auges
wussten sie stets um ihre beute
im traum noch führten sie sie in die irre
so wie mich der ihnen seither verfiel

(aus: im traum der dich nicht schlafen lässt. chiliverlag, Verl 2018.)

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100. Ausgabe von Ort der Augen

Die Literaturzeitschrift Ort der Augen (oda) erscheint dieser Tage zum 100. Mal. Dieses Heft ist eine Doppelausgabe der Hefte 100/101 und weist entsprechend ca. 200 Seiten auf (üblich sind sonst etwa 100). Das Heft wird am 23.10. um 19 Uhr im Merseburger Dom im Rahmen der Landesliteraturtage des Landes Sachsen-Anhalt vorgestellt. Durch den Abend führen die Redaktionsmitglieder Simone Trieder und Torsten Olle sowie der Chefredakteur André Schinkel (musikalisch begleitet von Michael Schönheit). Bei der Gelegenheit werden die beiden langjährigen Redaktionsmitglieder Richard Pietraß und Peter Gosse verabschiedet. Ich werde aus privaten Gründen nicht anwesend sein, bin aber im aktuellen Heft mit 5 Gedichten vertreten. Im Heft finden sich zudem Texte von Wilhelm Bartsch, Jan Wagner, Kerstin Hensel, Ralf Meyer, Daniela Danz, Richard Pietraß, Said usw.

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Gedicht der Woche (XL)

die letzten seiten sind noch immer leer,
zensiert von blattfraß, raupentraumdistichen,
der quersumme aus licht, im peripher.
das fehlende mit atem durchgestrichen.
von regen zugeweicht. die ruhezeiten
des mikrokosmos blieben im gehör
des falters, der uns köderte mit wirklichkeiten
und ihren oberflächlich wahrem interieur.
herbarisiert sein tanz im abdruck unsrer hände.
die letzten seiten bleiben. nimmerhin.
das buch, es blendet uns: durch alles weiße.
du sagtest einst bevor ich dir mein herz verpfände,
will ich nie werden, wie ich bin.

es endete noch vor beginn die reise.

(aus: enzyklopädie des atems, noch unveröffentlicht)

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Gedicht der Woche (XXXVIX)

bisher hat bigfoot nie auf großem fuß gelebt
steht in den akten seiner feuchten träume
die füße faulen schon die spur verwischt
er jagt den weltrekord im runterkommen
ein arbeitsloser der den andern neidet
was sie nicht einmal haben wenn er droht
dann droht er nur und sackt in sich zusammen
er hatte seine fünf minuten ruhm
trug sich ins goldne buch der notaufnahme
was kümmert’s ihn dass kinder für ihn beten
die langeweile bleibt sein bester freund
im glauben an das gute tief im innern
lecken die sezierer ihre finger

(aus: ungeheuerlicht)

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