Offener Brief an die Vorstandsvorsitzende des Friedrich-Bödecker-Kreises in Sachsen-Anhalt

Sehr geehrte Frau Iser,

in der letzten Woche schrieb Jürgen Jankofsky in einer Rund-E-Mail, dass er ohne Angabe von Gründen entlassen worden sei, und das kurz vor seiner Rente! Das hatte gesessen, für mich ist eine Welt zusammengebrochen. Heute lese ich in der MZ einen Artikel von Kai Agthe, in dem von „schwerwiegenden Vorkommnissen“ die Rede ist, ohne diese „Vorkommnisse“ auch nur im Ansatz zu erläutern. Ich muss zugeben, ich weiß nichts von diesen „Vorkommnissen“, und offenbar weiß auch Kai Agthe nichts Konkretes, zitiert aber „Es gab schwerwiegende Vorkommnisse des Geschäftsführers gegenüber unserer langjährigen Referentin […]“. Das ist wunderbar schwammig. Es diskreditiert zum einen Jürgen Jankofsky (auf ewig, da solche Nachrichten in den Suchmaschinen nicht wieder verschwinden), zum anderen schafft es dem Vorstand (zumindest nach außen hin) ein Schlupfloch, falls das Ganze doch nach hinten losgeht.

Meines Erachtens ist diese Gesamtsituation, insbesondere das Verhalten des Vorstands des Friedrich-Bödecker-Kreises, erbärmlich, denn anstatt „weiteren Schaden abzuwenden“, liegt nun ein Totalschaden vor. Die einzelnen Mitglieder des Vorstandes sollten sich schämen. Über die Bedeutung von Jürgen Jankofsky für das Bundesland Sachsen-Anhalt brauchen wir nicht reden. Er hätte das Bundesverdienstkreuz verdient und erhält stattdessen eine medienwirksame und gleichermaßen rufschädigende Entlassung, sodass mich hier der Verdacht beschleicht, dass hier wohl ein konspiratives Motiv zugrunde lag. Jankofsky zählt zu jenen, die den Mund aufmachen. Vielleicht war er zu unbequem? Er war seiner Aussage nach gewillt, den FBK weiterhin aufbauend zu unterstützen. Vielleicht sollte sein Abschied forciert werden, da er dem einen oder anderen (zu lange) im Wege stand. Vielleicht war er auch einfach „zu teuer“ oder hatte zu viele eigene Ideen. Alles Mutmaßungen … Im Übrigen ist es nicht minder Verwerflich, zuerst andere Verbände und die Presse zu informieren, bevor die eigenen Mitglieder des FBK informiert werden, sofern die Mitglieder überhaupt eine gesonderte Information erhalten. Was ist das für ein Vorstand, der maximal intransparent arbeitet und gleichermaßen Lebenswerke vernichtet?

Ich sehe schwarz für die Literatur des Landes Sachsen-Anhalt ohne Jürgen Jankofsky und bedauere sein Ausscheiden sehr. Die Konsequenzen werden nicht lange auf sich warten lassen. Die Schreibwerkstätten mit Wilhelm Bartsch wird es ab 2019 nicht mehr geben. Die Nachwuchsschriftstellertreffen in Sonneck oder ähnlichen Einrichtungen gehören der Vergangenheit an (ein herber Verlust!). Ort der Augen wird an Bedeutung verlieren und wieder zu einem Provinzblatt verkommen. Insgesamt hat der Vorstand des Friedrich-Bödecker-Kreises des Landes Sachsen-Anhalt weder Jürgen Jankofsky noch der Literatur im Land Sachsen-Anhalt einen Gefallen getan.

Mit freundlichen Grüßen

Thomas Rackwitz

Blankenburg, 10.7.2018

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Gedicht der Woche (XXVI)

so, die enzyklopädie des atems ist jetzt „fertig“, hier eine kleine Kostprobe …

was so nach wurzeln riecht, vergilbt und reißt.
ich warte auf mich, weil ich mich dir schulde.
die äpfel öffnen die fenster, es kreißt
der doldenschatten. in der mulde:
die nahtodliebe des entlaufnen meeres.
archäologen die larven, es regnet ab
der atem in der schlucht von ceres.
die fauchspur des windes. träum mich äskulap.
versäum mich, räum die furchen in der luft.
der baum hat seine quellen, deckt die zeugen,
die schrift erweckend, die uns gilt.
vorbei die zeit, weil fieber nach uns ruft.
nie machten wir die dinge uns zu eigen:
wir liebten uns gomorrhawild.

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Gedicht der Woche (XXV)

sternschnuppenvogel, nirgendzweignacht,
hauchfühlbare westwindgesundung.
das lied seiner seele im staub angefacht.
vergeblich die lebensbekundung.

geheimnisgeknechtet, vom blitz zwiegeteilt,
o wolkengeruch im gefieder …
das tote, so heißt es, damit es verheilt,
kehrt heilloses wieder und wieder.

wie mühlos der tiefflug ihm immer gelang:
im bitteren norden, im fruchtwachen süden.
gemästet von beeren, rosinen, gesang,

von larven und auch pestiziden.
das festmahl geht nun gewohnt seinen gang.
zerfressen findet er frieden.

(noch unveröffentlicht, aus dem noch fragmentarischen Zyklus danse macabre)

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Gedicht der Woche XXIV

die legende vom literaturwissenschaftler

er wahrlich liebte die dichtung
und sog sie tief in sich hinein
doch ehe er kam zu sterben
da hörte sie auf so zu sein

der zauber war plötzlich erloschen
es fraßen ihn definition
und werkimmanente betrachtung
und nüchterne klare diktion

er hat es ertragen wohl siebzig jahr
und träumte inzwischen hermetisch
er interpretierte den wasserverlauf
und meinte er sei nicht ästhetisch

er analysierte und evaluierte
die knittel selbst zwischen gebirgen
da kamen die dichter zurück aus dem grab
und wollten ihn nur noch erwürgen

was blieb ihm am ende der lebenszeit
nach forschung kritik und recherche
die einsicht er gibt nun den becher ab
an ebenso knickrige ärsche

(aus: von wegen / abgedriftet. Gedichte. 2007, Studen, kari-kani)

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Schullesung

Gestern durfte ich im Gymnasium am Thie in Blankenburg lesen, nachdem es vor einigen Wochen aufgrund des hitzefreien Nachmittags nicht geklappt hatte. Mir hat es Spaß gemacht. Ich denke und hoffe, dass es den Schülern ähnlich erging, zumindest einigen. ;-) Ach ja, gestern war mein Gedicht dass ich erblinde bemerkte ich erst der Text des Tages auf Fixpoetry.com.

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Gedicht der Woche XXIII

dreizehntausend tage in den knochen

wie viele tiere habe ich verschlungen
wie viele früchte ausgeweidet
wie viele quellen leergetrunken
um hier zu sein im kurzen gleichgewicht
der dinge die sich für mich fügen
im sternbild der vergessenheit
alles was ich übersah
trägt dazu bei dass ich erblinde
der wind mich endlich sieht
das tote aus mir spricht über
hand nimmt die erinnerung
an das nichts das mich lenkt
den wünschen werd ich nie mehr herr
weiß nicht zu unterscheiden
was falsch was wichtig ist
noch hält die stimme
all mein blut zusammen
ufert das fremde in mir
hinterlasse ich noch spuren
in den leiser werdenden träumen

(2017, unveröffentlicht)

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Gedicht der Woche (XXII)

so lange, bis die welt sich selbst erkennt
im tiefseeblau des unvollkommnen schnees,
als fresko in den wolken, drehmoment
des zeitgeists ungestalt, gefäß,
als raum und trauma und herbarium
aus stimmen, die in schmetterlingen reifen,
bleibt uns der traum refugium.
so lange trösten endlosschleifen.
wer bist du, wenn du nicht bist, was du wirst?
wem glaubst du, wenn du aufhörst, anzufangen,
weil du das bessre ende kennst? wann zeigst
du dich, indem du dich verirrst
in einer welt, die blind ist vor verlangen,
seit du dich mehr und mehr verzweigst?

(aus: im traum der dich nicht schlafen lässt. chiliverlag, Verl 2018.)

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Gedicht der Woche (XXI)

agb

indem sie diese zeile lesen
erkennen sie das gesetz dieses gedichts an

indem sie diese zeile lesen
sind sie ein teil des gedichts
und machen sich strafbar
wenn sie dies leugnen

indem sie diese zeile lesen
befürworten sie die unredlichkeit
zwischen den zeilen
die systematische kolonialisierung des alphabets

indem sie diese zeile lesen
verpflichten sie sich a)
zur verschwiegenheit gegenüber den toten
unbetonten silben b) zur weitergabe ihrer persönlichen
informationen an das lyrische ich und c)
zur übertragung ihrer persönlichkeitsrechte
während der lektüre

indem sie sich weigern diese zeile zu lesen
bekennen sie sich schuldig
ein verräter des gedichts zu sein
sei es aus mangel an kultiviertheit
oder verstand einschließlich aber nicht beschränkt
auf geistige abwesenheit

indem sie diese zeile vergessen
stimmen sie zu die allgemeinen gedichtsbedingungen
erneut zu lesen

indem sie diese zeile lesen
räumen sie dem gedicht die uneingeschränkten
nutzungsrechte an ihnen ein
gewähren sie dem gedicht
in ihrem kopf zu bleiben

(2011)

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Gedicht der Woche (XX)

umsonst

fehlt dir der kostbare sinn für gedichte was kümmert’s die dichter
nützt nichts der treffendste vers dann soll es eben so sein

(2013)

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Gedicht der Woche XIX

weil du mich müde machst geh ich dir nah
bist nacht mir überm meer bist stimme allem kalten
du gleichst der tiefsten luft die ich je sah
ich brandete an händen die mich halten

wie lieb ich dich da du dich mir entziehst
sobald in deinen armen ich erwache
glaub ich zu sehn was du vor mir verschließt
ergründe zügig ich der zungen sprache

an deinem hafen unweit fremder zwänge
verstecke ich die zeit um hier zu bleiben
und fühle nur die ferne die mich führt

im mund die früchte früherer gesänge
vergessen wir das licht und lassen leicht uns treiben
auf dass ein traum den anderen berührt

(aus: im traum der dich nicht schlafen lässt. chiliverlag, Verl 2018.)

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