vorabend

aus seinem tagebuch zitiert der wind
die wolkenvögel. auf dem weg zur kneipe
versäumt ein mückenschwarm die zeit.

bald zeigt sich kassiopeia unverändert.

als rost die brücke hochkriecht,
die neonlichter baden gehen
im tau zertretnen unkrauts,
immatrikuliert die amsel sich
in der lehranstalt des ahorns.

es fallen schüsse. autos brennen.
auf einem hinterhof gebiert sich krätze,
öffnet sich ein spalt zur unterwelt.
kaffee wird aufgebrüht
im orkus:

die nacht wird lang. der plan muss sitzen.
der pfandbon für das schneckenhaus vergilbt.
geflutet wird der aufwachraum
mit schrillen schreien, gruftdurchtränkt.
der waffenstillstand endet heute abend.

(2018)

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Verschmähtes Gedicht

Das folgende Gedicht wurde im Rahmen einer Autorenrunde (Ende 2019) u. a. als zu „populistisch“ verschmäht.

DATENSTAUB III

morgens noch sitz ich benebelt im rasenden datenbus charons,
spiegeln auf dunkler UI sich schwach die zeichen der zeit.
müde vorm anwendungsfenster verliere ich alles verlangen,
schweig ich vom eigenen leid, bleibe vernetzt und allein.
frage ins leere, warum denn die überschnell reifende technik
so sehr erkalten uns lässt, wo sie doch hitze erzeugt.
charon verwandelt mich, ohne dass ich es verstehe, in daten,
will nichts vom obolus sehn, weil ich erst ausbrennen soll.
fort setzt er nur dionysisch und nüchtern die werke des menschen,
huldigt dem fortschritt binär, filtert die vielfalt des rests.

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Herbstkatalog des Mitteldeutschen Verlags

Der Herbstkatalog des Mitteldeutschen Verlags ist draußen und ich bin drin.

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Schülerkalender 2020/2021

Jüngst erschien der Schülerkalender 2020/2021 von DoctorBenx. Darin bin ich mit einer Kurzgeschichte vertreten. Aktuell konzipiere und arbeite ich (u. a.) an einem Minecraft-Roman. Ihr dürft also gespannt sein!

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Schon mal vormerken

Im August 2020 erscheint mein Gedichtband neophyten beim Mitteldeutschen Verlag:

„In seinen neuen Gedichten führt Rackwitz in sieben Anläufen samt Auf- und Schlusstakt zu den Gebresten der Kindheit, er nimmt die Vertreibung aus dem Paradies ins Visier, die Frage nach Sinn und Erfüllung in der Liebe, das Wesen der Zeit. Einem Bestiarium in der Mitte des Bands folgt ein großer Trauergesang, der als einer von zwei Sonettenkränzen die Achse dieser hochsouveränen, in ihrer Verve und Kunstfertigkeit bestechenden Sammlung ergibt.“

Näheres findet sich hier.

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schlange

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Erster Eindruck zu „neophyten“

Für den ersten Eindruck gibt es ja bekanntlich keine zweite Chance. Mein Lektor schrieb Folgendes zu „neophyten“:

„[...] ein Buch, wie man es sich wünscht, tief und leicht in einem, mit wundervollen, stillen und lauten Bezügen, untereinander wie nach draußenhin.“

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Gedichtband »neophyten« beim mdv

Soooo … Vertrag unterschrieben. Endgültiges Manuskript eingereicht. Bald startet das Lektorat. Ich freu mich auf meinen Gedichtband »neophyten«, der im Juni/Juli 2020 im Mitteldeutschen Verlag erscheinen wird.

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Das Meer

Großvater hatte mir einmal erzählt, Feuersmünde beherberge die Ausläufer eines Ufers, dessen Meer sich in Luft aufgelöst hätte. Ich war noch nie am Meer gewesen. Habe noch nie sein Rauschen gehört. Kenne die gewaltige Brandung nur aus den Geschichten, die mir Großvater erzählte. Manchmal bildete ich mir ein, der Ort hätte sein eigenes Meer, als wäre das Moos der Häuserwände mit den Algen aus den Geschichten verwandt, als wäre im Apfelgehäuse hoher Seegang, bevor man sich aufmachte, den Apfel mit den Zähnen zu zermalmen. Ich leckte mir nicht selten über die Lippen, um zu überprüfen, ob sie durch den mir entgegenwehenden Wind salziger schmecken würden.

In Wirklichkeit war Feuersmünde nichts weiter als Brachland, was ich mir lange Zeit nicht eingestehen wollte. Die Bauruinen bildeten den Ortskern. Meine Kindheit verbrachte ich oft vor den eingeworfenen Fenstern der verwitterten Ortskirche. Niemals hatte ich es gewagt, über die Schwelle zu treten. Schließlich hatte mir Großvater versichert, ich trüge zu viele Dämonen in mir, die ich dadurch leichtsinnig entfesseln könnte. Er war ein gläubiger Mensch. Nur glaubte er nicht an Gott, sondern ausschließlich an Bacchanten. Nur wenn er betrunken war, pflegte er sich zu unterhalten. Vermutlich hatte er deshalb nicht den besten Ruf im Ort, war er doch des Öfteren aufgrund seiner Trunksucht aufgefallen. Einmal hatte er Frau Schwanengitter in den Briefkasten gepinkelt und sich dabei erwischen lassen. Sie strafte mich fortan genauso mit Verachtung wie ihn. Mit der Zeit wurden es immer mehr Einheimische, die uns verachteten und sich von uns abschotteten, als trügen wir etwas Lepröses an uns, bis wir schließlich im gesamten Ort in Ungnade gefallen waren. Meinen Schulkameraden wurde der Kontakt zu mir untersagt. So hörte ich auf, zur Schule zu gehen. Knochenhaar setzte sich jedoch über derartige Verbote hinweg. Er hatte seine eigenen Regeln. Mit ihm plünderte ich manchmal Großvaters Weinvorräte. Aus Angst vor Großvaters Reaktion streckte ich danach stets die angetrunkenen Flaschen mit Wasser und versuchte, die Korken wieder in die Flaschen zu drücken, in der Hoffnung, er würde es nicht merken.

Eines Tages kam auch Knochenhaar nicht mehr zu mir. Ich beschloss, ihn aufzusuchen. Er hatte mir erzählt, er wohne zusammen mit seinen Eltern am Rande des seiner Ansicht nach langsam implodierenden Ortes. Die Luft war hier dünner. Die Regentropfen verschwisterten sich. An dem von Efeu umrankten Haus waren noch Einschusslöcher aus dem letzten großen Krieg zu erkennen. Anstelle von Knochenhaar empfing mich jedoch dessen Vater, dem ich nur dieses eine Mal begegnete. Knochenhaar hätte es niemals gegeben, hatte er mir gesagt. Ich hätte mir ihn nur eingebildet und auch dieses Gespräch hätte niemals stattgefunden. Mag sein, tröstete ich mich. Vielleicht hatte ich mir auch nur eingebildet, Eltern gehabt zu haben. Großvater jedenfalls tat so, als hätte es sie nie gegeben, als ich ihn auf sie ansprach. Das Meer des Ortes verebbte schlagartig in diesem Augenblick. So machte ich mich auf, um Muscheln zu sammeln, bevor die nächste Flut sie wieder mit sich reißen würde. An dem Abend übergab ich Großvater meine Beute, so als müsste ich mir damit ein Abendessen verdienen. Das sind keine Muscheln … Schneckenreste, meinte er nur beiläufig, ohne den Blick von der Flasche abzuwenden. Ich wusste nicht, wie Muscheln aussehen und bat ihn, mir das richtige Meer, sein Meer zu zeigen. Er war außer sich in seinem Schweigen. Manchmal war ich froh, nicht so viel wie Großvater über sein Meer zu wissen, das draußen ist, außerhalb von Feuersmünde, fernab meiner Vorstellungskraft. Er war verbittert. Seine Wege führten ihn nur noch zurück zu den Orten, die er kannte. Die er noch kennen wollte. Das Meer konnte nicht mehr dazugehören, so lange hatte er es seinen Erzählungen nach schon nicht mehr gesehen.

Mit der Zeit verbrachte ich immer mehr Tage in Großvaters Weinkeller und trank geflissentlich für Knochenhaar mit, ohne dabei an Großvater zu denken. Inzwischen füllte ich die Flaschen nicht einmal mehr auf, um meine Abhängigkeit zu vertuschen, sondern ließ sie einfach verschwinden oder bestückte sie mit Botschaften für die Nachwelt. Irgendwann käme ich schon noch zum Meer und so hätte ich wenigstens die nötigen Requisiten. Berauscht wie ich war kamen mir die eigenartigsten Dinge in den Sinn. Ich stellte mir vor, mit einem Boot in einen archaischen Hafen einzulaufen, der sich unter der Wasseroberfläche befände, bevor ich kurz darauf unter der Falltür des Meeres verschwinden würde. So wie Knochenhaar. So wie meine Eltern. Alle waren sie verschwunden, ohne dass ich wusste, wo sie sich jetzt befinden. Auch ich wollte verschwinden, wollte Feuersmünde den Rücken kehren, um im Meer wieder aufzutauchen, denn brannten Großvaters Backpfeifen je älter er wurde, umso stärker in meinem Gesicht. Seinem allmählichen körperlichen Verfall setzte er eine immer ausgefeiltere Technik entgegen. Er hatte mich ertappt, wie ich seine Vorräte plünderte, und maßregelte mich eher um seines Weines willen und weniger wegen des zu erzielenden pädagogischen Effekts. Kein Meer war es wert, sich an seinen Flaschen zu vergreifen. So setzte er mich vor die Tür. Seitdem lebt er nur noch als Erinnerung in mir fort. Seine Stimme habe ich inzwischen vergessen.

Die Zeit war gekommen, sein Meer aufzusuchen. Die Wege auf der aus seinem Atlas herausgerissenen Karte deckten sich nicht mit seinen Geschichten. In seinen Geschichten hatte er die immer gleichen Wege beschrieben, die es inzwischen nicht mehr gab. Vielleicht hatte es sie auch nie gegeben. Vielleicht war das Meer nur eine Idee, um das Schreckliche, das ihm womöglich widerfuhr, in Worte zu fassen. Vielleicht hat jeder sein eigenes Meer, das nur er ergründen kann oder in dem er ertrinken muss. Großvater hat mir nicht viel beigebracht. Ich habe jedoch von ihm gelernt, alle Wege führen ins Meer, aber genauso ins Leere.

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Ort der Augen (Heft 3/2019)

Morgen zum Auftakt der Landesliteraturtage des Landes Sachsen-Anhalt erscheint Heft 3/2019 der Literaturzeitschrift Ort der Augen, u. a. mit Texten von Thomas Böhme, Said und Michael Spyra. Ich bin mit drei Gedichten von der Partie. Offiziell vorgestellt wird das Heft im Gleimhaus in Halberstadt durch die oda-Redaktion und Thomas Böhme (siehe hier).

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