Gedicht der Woche (XXXVI)

WAS UNS DER ABGRUND LEHRT? WAS WOLKEN TRÄUMEN:
von schulterlangen meeren im exil,
wachholderaugen, krückstockbäumen,
gebückten zungen, tschernobyl,
von sich als ihrer eigenen metapher,
cumulus interruptus in der kluft,
der engel devisenbeschaffer,
gelageplänen, algorithmenduft,
der vetternwirtschaft im taifun,
der ewigkeit, die sich nie findet,
von ihrem regenwunden weiß.
we are as clouds that veil the midnight moon –
so ungeuer oben
, dass der abgrund schwindet.
die ewigkeit ist nur ein wendekreis.

(noch unveröffentlicht, aus dem noch fragmentarischen Zyklus dreaming of fiji)

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Gedicht der Woche (XXXV)

im keller

seit einiger zeit
bewohnt ein engel
meinen keller steht da
wie angewurzelt
zwischen holzvorrat
und feuerlöscher

hin und wieder
flüchten ein paar spinnen
über seine barocke
perücke die flügel
hat wahrscheinlich niemals
irgendwer entstaubt

alle meine versuche
ihn zu erwecken
waren sinnloser natur
der eingepflanzte chip
löste sich auf in der blutbahn
roch es nach weihrauch
das blut das um einiges
dünner war als wasser
schoss nach oben
als ich ihm den überschüssigen
flügel abschnitt

ich konnte
ihn weder bewegen
noch erreichen in seiner
sprache des schweigens
(dabei hätte ich so gern gewusst
wie spät es wirklich ist)

er sieht noch immer
auf die gleiche
stelle mit einem
entsetzten blick
ich glaube
er hat dort einen geist gesehen

(aus: grenzland. edition Musagetes, Wien 2009.)

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FBK-Austritt

Blankenburg, 7.9.2018

Werter Vorstand des Friedrich-Bödecker-Kreises,

hiermit trete ich mit sofortiger Wirkung aus dem Friedrich-Bödecker-Kreis e.V. in Sachsen-Anhalt (FBK) aus.

Die Mitgliederversammlung am 5.9.2018 in Magdeburg war m. E. eine Art Schauprozess. Janko war in Absprache mit seinem Anwalt nicht anwesend. Das war der Grund für sein Fernbleiben. Nichts anderes. Seine Abwesenheit wurde hingegen höhnisch belächelt.

Im Gegensatz zu den meisten Mitgliedern des FBK habe ich stets versucht, mir beide Seiten anzuhören und mich nicht einlullen zu lassen. In den letzten Wochen habe ich so ziemlich jede Stimme aus der zunächst sehr einseitigen Presse vernommen. Da war von „schwerwiegenden Vorkommnissen des Geschäftsführers gegenüber unserer langjährigen Referentin“ die Rede (also hat sich der Vorstand ja doch in der Presse geäußert, obwohl auf der MV Gegenteiliges behauptet wurde; Kai Agthe wird sich ja kaum selbst zitiert haben), was einige Leute, die sogar mich darauf ansprachen, als sexuelle Belästigung deuteten. Zur Erinnerung: Es bestand jederzeit die Möglichkeit, diese Formulierung seitens des Vorstands zu entschärfen. Stattdessen mündete das Ganze in neuen Anschuldigungen. Obige Formulierung ist weiterhin online einsehbar und wurde von der MZ nicht gelöscht.

Im neuesten Volkstimme-Artikel scheint sich der Wind der Presse ein wenig gedreht zu haben. Plötzlich werden in der Presse beide Seiten vernommen, da ist auch „vom Clan, der sich um die ehemalige Vorsitzende Dorothea Iser zusammengefunden habe“ die Rede. Und genau dieser „Clan“ [keine Ahnung, wer diesen Ausdruck gebraucht hat] war größtenteils in Magdeburg anwesend. Machen wir uns nichts vor. Die Spaltung ist da. Es bringt nichts, sie wegzudiskutieren. Ich hatte bei der MV in MD eher den Eindruck, man wolle diese gesamte Angelegenheit unter den Teppich kehren, um weitermachen zu können, zumal das Urteil längst verhängt worden war. Von der von Frau Iser antizipierten Aufteilung von Literaturförderung/Leseförderung würden mehrere Vereine profitieren. Da sie in diesem Zusammenhang von „wir“ sprach, liegt die Vermutung nahe, dass sie weiterhin die Fäden im Hintergrund zieht. Einige FBK-Mitglieder, die gleichzeitig andere Vereine vertreten, fanden diese Idee entsprechend gut und störten sich beispielsweise entsprechend am „Personenkult“ um Janko. Ich hingegen finde diese Idee fahrlässig. Wenn ich mir anschaue, was die anderen Literaturvereine des Landes in den letzten Jahren auf die Beine gestellt haben und dies mit dem FBK vergleiche, ahne ich, wohin die Reise geht. Man sehe sich nur mal die Website des Förderkreises der Schriftsteller in Sachsen-Anhalt e.V. an. Diese sieht aus wie aus den tiefsten 90er Jahren.

Zu den eigentlichen Kernproblemen hat sich niemand geäußert, also insbesondere zur rechtlichen Situation: Wer vertritt beispielsweise den FBK in dieser Angelegenheit? Das Arbeitsklima lässt sich schwerlich von außen beurteilen. Da nützen auch einzelne E-Mails wenig. Zur Wahrheit gehören immer zwei Seiten. In der MV wurde nur eine Seite dargelegt. Das Buch „Anna Hood“ ist im MDV erschienen, ohne Hinweis auf den FBK. Die Vorgänger von „Anna Hood“ erschienen im Dorise-Verlag. Auch hier (ich hab 2 Exemplare zu Hause) gibt es keinen Hinweis auf den FBK! Ich kann es auch nicht nachvollziehen, warum es Frau Iser nicht verstanden hat, dass ein Buch in mehrere Sprachen übersetzt und dann an deutschen Grundschulen vorgestellt wird. Es ist doch naheliegend. Hier geht es um den offiziell in der Politik lancierten interkulturellen Austausch. Es gibt viele „Problemschulen“ mit einem erhöhten Migrationsanteil. Diese Kinder wiederum können von diesem Angebot durchaus profitieren, wenn sie „Anna Hood“ sowohl in ihrer Mutter- als auch in ihrer Zweitsprache lesen können. Zudem weckt das Buch eine Neugier der Kinder auf andere Sprachen.

Um es noch einmal zu verdeutlichen, weshalb ich austrete. Es sollte immer die Unschuldsvermutung gelten. Diese wurde in diesem Fall mit Füßen getreten. Janko wurde zuerst die Weisungsbefugnis entzogen, bevor sich der Vorstand überhaupt ein Bild machen konnte. Passenderweise war Janko am 27.6. zur Vorstandssitzung nicht einmal anwesend und konnte folglich auch nicht angehört werden. Ich trete auch aus, weil ich, so die Spaltung denn kommen sollte, keine Daseinsberechtigung für mich mehr in diesem Verein sehe, da ich eher in den Bereich „Literaturförderung“ falle.

Mit freundlichen Grüßen

Thomas Rackwitz

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Gedicht der Woche (XXXIV)

Das Gedicht dieser Woche ist kein Gedicht, sondern ein bisher nicht eingesungener Songtext. Wer Interesse daran hat, den Song einzusingen, kann sich diesbezüglich gerne an mich wenden.

Daddy is a Politician

Daddy signed some papers
With ink that didn’t dry
He’s beating ’bout the bush
Oh he is so polite

Sometimes when he’s laughing
Some children start to cry
He doesn’t care about them
As long as he can lie
As long as he can lie

Daddy has a mission
He is a politician
He has to ruin some folks
And has to snap some dreams

Daddy has a vision
He is a politician
He has to do weird stuff
And cannot get enough
Of money and of equities
Not forgetting dispossession
He doesn’t need permissions
Cause he is a politician

Daddy has a mission
He is a politician
He has to ruin some folks
And has to snap some dreams

Daddy has a vision
He is a politician
He has to do weird stuff
And cannot get enough
Of money and of equities
Not forgetting dispossession
He doesn’t need permissions
Cause he is a politician

Yeah Daddy is a politician
Daddy is a politician
Daddy is a politician
Daddy is a politician

Whenever daddy comes to town
Wherever he comes from
He’s parking his big limousine
Within the dirtiest slum

Last autumn near a chasm’s shore
His enemy got lost
He seemed to be hit hard by it
But didn’t give a fuck

Daddy has a mission
He is a politician
He has to ruin some folks
And has to snap some dreams

Daddy has a vision
He is a politician
He has to do weird stuff
And cannot get enough
Of money and of equities
Not forgetting dispossession
He doesn’t need permissions
Cause he is a politician

Yeah Daddy is a politician
Daddy is a politician
Daddy is a politician
Daddy is a politician

Yeah Daddy is a politician
Daddy is a politician
Daddy is a politician
Daddy is a politician

Bridge:

taking money
making laws
waking demons
drawing straws

sawing off
all enemies
starting wars
in disbelief

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Gedicht der Woche (XXXIII)

südlich von jetzt

das licht wirft
neue samen
vögel graben
sie aus in der luft

als mir der stein
ins wasser fällt
das preisgibt
seine jahresringe

fast ist es still
erstorben das playback
im hundezwinger

die strichlisten voll

noch sitze ich hier
staub
festen glaubens
fühle wie eine larve
sich im herzen verpuppt

(aus: im traum der dich nicht schlafen lässt. chiliverlag, Verl 2018.)

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Literaturpreis Harz

Am Sonntag wurde im Schloss Harzgerode zum zweiten Mal der Literaturpreis Harz verliehen. Ich war krankheitsbedingt leider verhindert, denke aber, dass die Auslobung dieses Literaturpreises eine schöne Sache ist, zumal vernünftige Literaturpreise (ohne Schwachsinnsvorgaben) in dieser Region rar gesät sind. Gestern lese ich in der GZ Folgendes:

Insgesamt acht Hobbyautoren wurden mit Preisen bedacht.

WTF? Hobbyautoren? Ist dann in diesem Fall die zuständige Redakteurin, Andrea Leifeld, ebenfalls eine Hobbyjournalistin? Meines Erachtens ist dieses Wort „Hobbyautor“ dermaßen ehrabschneidend, dass mir die Worte für eine politisch korrekte Beleidigung fehlen. Was unterscheidet überhaupt einen „Hobbyautor“ von einem „Autor“ bzw. von einem „professionellen Autor“? Geht es um die reine Publikationstätigkeit müssten auch beispielsweise Pessoa oder Rimbaud als „Hobbyautoren“ gelten. Und was ist mit den ganzen Autoren, die ein Publikationsverbot zu erdulden hatten und haben? Sind das auch „Hobbyautoren“? Schreiben ist doch kein Hobby. Es ist eine Lebenseinstellung.

Genereller Nachtrag: Das Wort „Schreiberling“ geht im Übrigen auch überhaupt nicht …

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Gedicht der Woche (XXXII)

Zum heutigen Gedicht der Woche mal ein kleiner Seitenhieb. Ich habe vor einigen Jahren mehrfach (2005, 2007, 2010, 2014) vergeblich versucht, auf der Plattform Poetenladen unterzukommen. Unter anderem habe ich dazu das folgende Gedicht eingereicht. Aufgenommen in den Autorenpool wurde ich nicht, möchte ich im Übrigen auch nicht mehr. Inzwischen ist das Portal ein virtueller Friedhof (passend dazu die sog. Stelen). Ein Teil der Bewegung (siehe beispielsweise hier) möchte ich auch nicht sein.

das algebra

1

das algebra zählt nicht auf buchstabensuppe
es schwört vielmehr auf zahlensalat
auch albträume sind ihm größtenteils schnuppe
es fürchtet allein den verqueren pi-rat

am liebsten wäre es zahnarzt geworden
um wieder und wieder wurzeln zu ziehn
die zahlen ließ es schon oft überborden
ganz gleich ob das minuszeichen erschien

es erdet den himmlischsten heiligenschein
und glaubt nicht es denkt nur hoch x
manchmal beim quer summen fällt es ihm ein
die wahrheit sei null komma nix

2

das algebra denkt nur bedingt ideo-logisch
und wohnt auf der minusinsel
die eulersche zahl hält es selbst für utopisch
schwingt lieber den kosinuspinsel

die seufzer sind eher binärer natur
zwar glaubt’s nicht der zahlenfee
doch macht’s im abstrakten ne gute figur
sein leitspruch ist wzbw

es sucht fast verzweifelt nach richtigen werten
auch fernab jedes beweises
denn oft schon schlich es auf sinnlosen fährten
der quadratur des kreises

(aus: ausgrabungen am offenen herzen. Hallesche Autorenhefte 61, Halle 2015.)

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Gedicht der Woche (XXXI)

die krätze hat mich liebgewonnen alter freund
nur hab ich keine zeit zum beten ich lebe
zwischen provokation und detonation
verlust und vergessen uhren und urnen
die grenzen verschieben sich
selbst am arsch der seele
meine augen werden fremd wie die dinge
an die ich glauben soll aber nicht will
glaubst du noch an verschwörungstheorien
den großen kürbis an die autodidakten des scheiterns
die domestizierung von staub
der soziale abschwung wäre nur eine phase
haben sie gesagt in ihrer therapie
einander die hände haltend wie feuerzeuge
es ist nicht einfach für mich alter freund
ich lebe mit kapitalisten zusammen
erst knebeln sie dich mit ihren verträgen
dann verhöhnen sie dich
man gewöhnt sich irgendwann daran
an die ständige überwachung
dass beim ficken die wanzen von den wänden fallen
und du für den schaden zahlen musst
neulich alter freund als ich gassi ging
mit meinen himbeergeistern kurz nach ladenschluss
als die sirene hier wie jeden abend
das alphabet übte der flaschensammler
in seiner metaprache rülpste schreckte ich auf
Gott sprach fürchte dich nicht
je schlimmer du stinkst desto schöner der tod
und verschwand hinter asozialen träumen
jetzt geht es mir besser
da ich am arsch der seele mich kratzend
weiterhin zu den verschwörern zähle
auf die nächste phase warte und mich
die krätze liebgewonnen hat mein alter freund

(aus: im traum der dich nicht schlafen lässt. chiliverlag, Verl 2018.)

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Gedicht der Woche (XXX)

So, in dieser Woche öffne ich mal den Giftschrank. Hier findet ihr ein Gedicht aus meinem Marathonsonettenkranz „vororte. spam-gedichte“. Selbiger entstand zwischen 2009 und 2011 und besteht aus 211 Sonetten, liegt aber auf Eis. Frank Milautzcki verweist in der Fixzone im Übrigen noch auf den Vorgänger-Sonettenkranz. Dieser bestand aus nur 61 Sonetten, bildete jedoch die Grundlage für dieses Werk. Aktuell arbeite ich an einer besseren Fortsetzung.

1,2

die pausenclowns waren durchschaut
und stricke waren vergriffen.
die irren hatten dem irrtum vertraut.
manch vogel wurde verpfiffen –

noch köchelten zahllose buchstabensuppen
trotz saisonaler zäsuren.
ein kuppler fingerte voodoopuppen
und legte danach falsche spuren:

die zahnfee bleckte die hauer
(der rest war nicht mehr intakt).
charybde skyllte die mauer –

stets oversexed but underfucked.
für den topfkratzer galt (der grenzwertig roch):
nur eine woche gönnt ihr gewaltigen noch.

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Gedicht der Woche (XXIX)

WAS DIESES LAND BRAUCHT

von David Lerner

was dieses land braucht
ist ein guter anwalt für
fünf cent aus nem münzautomaten

was dieses land braucht
ist eine diätbrause
die dir das singen beibringt
und dich gleichzeitig
wichtig aussehen lässt

was dieses land braucht
ist der richtige sinn
in fremden sachen die nase drin
das messer im rücken

was dieses land braucht
ist die furcht so durch das land gleiten zu müssen
wie gas

was dieses land braucht sind
vögel die zu singen aufhören
und wunden die nicht mehr verheilen
und feuer das sich in etwas wirklich
brennendes verwandelt

was dieses land braucht sind
räume aus blut aus furcht
aus vergangenen zeiten aus
tausendjährigem schnee

was dieses land braucht
ist die kraft nicht abzustürzen

mit der flasche am mund
den fuß auf dem gas und
den beäugten schatten

und die heuchelei dass sich die geschichte
nicht auswächst zu einem
zurückgebildeten idioten mit fangzähnen

was dieses land braucht
ist eine kleine schicht
die gerade groß genug ist um sich durchzuschleppen
egal was sich unten
im nächsten tal auch befindet

eine schicht die sich nicht aufhalten lässt

denn jeder müde brennende geist den man sich vorstellen kann
ist so hartgekocht so
heruntergekommen und atmet doch weiter
hat sich dank drogen hierher geschleppt
kroch ohne sich dran zu erinnern auf dem endlosen
boden

dass ein weiterer arschtritt
eher etwas erleichterndem gleicht
solange es für den ganzen
weg reicht

(Übertragung ins Deutsche durch Thomas Rackwitz)

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