Gedicht der Woche (XLIV)

leicht

das auge des flusses
spiegelt sich im laub
das laub sich im rauschen
auf der lichtung
verwächst sich die ferne
wäscht der tau fremdgewordene
worte aus den gräsern

wie die zeit in flammen aufgeht

wir zehren von erinnerungen
als ich hinhöre ist es endlich still
es wurde alles gesagt
was sich nicht verschweigen ließe
es wurde nichts gesagt
was uns wirklich anginge

der weg führt zurück
das laub wird leichter
als das auto auf dem es liegt

am ende wiegt das leichte
viel schwerer
verschwindet der fluss

(aus: ausgrabungen am offenen herzen. Hallesche Autorenhefte 61, Halle 2015.)

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Gedicht der Woche (XLIII)

don giovanni, reloaded

die erste nahm ich auf dem stempelkissen
und musste ihren ganzen krempel küssen
sie spitzte schamlos die verwarzten lippen
ich schwitzte bläue und fing an zu nippen

die zweite fand mich auf dem waffeleisen
mit brombeermarmelade übergossen
sie hatte hunger wollte mich verspeisen
ich hab mein pulver viel zu früh verschossen

die letzte trieb mich in die tiefkühltruhe
sie sagte lieb mich heiß sonst hast du keine ruhe
ich schrieb noch in die liste ihre nummer
eintausenddrei seitdem lieg ich beim hummer

(aus: in halle schläft der hund beim pinkeln ein. Gedichte. 2009, Klingenberg,
Verlag im Proberaum 3
)

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Gedicht der Woche (XLII)

Am letzten Freitag hatte ich eine Lesung in Gröbers, genauer gesagt auf dem Osmünder Friedhof in der Dorfkirche St. Petrus. Begleitet wurde die Lesung von Tristan Eissing, seines Zeichens Organist. Eine runde Sache. Die Lesung hat mir wirklich Spaß gemacht, das Publikum war interessiert und aufgeschlossen. Peter Dörheit moderierte die Lesung souverän und führte durch den Abend. Für diese Lesung hatte ich zuvor das folgende Gedicht verfasst:

dorfkirche st. petrus

unweit der abgelaufnen gräber meiner ahnen
steht eine kirche, lange zeit verwittert.
zu lehm geronnen das blut ihrer erbauer.
ein ort für staub und schutt und schwämme.

jüngst aufgerichtet aus ruinen ragt sie endlich
und trägt den himmel sichrer durch sein dunkel.
schleuser den wolken. ihr herz aus vogelstimmen.
refugium für efeu, moos und brombeer.

jahrhunderte entfalten sich im innern.
die worte zuberbiers gehn durch den raum.
sich zu erinnern, heißt auch neuanfang.
bis in das erdreich dringt der orgelklang.

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Gedicht der Woche (XLI)

andalusische katzen

nirgends sah ich solche katzen
wie in den hinterhöfen andalusiens
ihr fell gestrählt vom wind in der sierra

immer zum sprunge bereit
harrten sie aus
als ferge zwischen den zeiten
auf den von der nacht gebrandmarkten steinen
die anderswo grabsteine wären

selbst geschlossenen auges
wussten sie stets um ihre beute
im traum noch führten sie sie in die irre
so wie mich der ihnen seither verfiel

(aus: im traum der dich nicht schlafen lässt. chiliverlag, Verl 2018.)

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100. Ausgabe von Ort der Augen

Die Literaturzeitschrift Ort der Augen (oda) erscheint dieser Tage zum 100. Mal. Dieses Heft ist eine Doppelausgabe der Hefte 100/101 und weist entsprechend ca. 200 Seiten auf (üblich sind sonst etwa 100). Das Heft wird am 23.10. um 19 Uhr im Merseburger Dom im Rahmen der Landesliteraturtage des Landes Sachsen-Anhalt vorgestellt. Durch den Abend führen die Redaktionsmitglieder Simone Trieder und Torsten Olle sowie der Chefredakteur André Schinkel (musikalisch begleitet von Michael Schönheit). Bei der Gelegenheit werden die beiden langjährigen Redaktionsmitglieder Richard Pietraß und Peter Gosse verabschiedet. Ich werde aus privaten Gründen nicht anwesend sein, bin aber im aktuellen Heft mit 5 Gedichten vertreten. Im Heft finden sich zudem Texte von Wilhelm Bartsch, Jan Wagner, Kerstin Hensel, Ralf Meyer, Daniela Danz, Richard Pietraß, Said usw.

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Gedicht der Woche (XL)

die letzten seiten sind noch immer leer,
zensiert von blattfraß, raupentraumdistichen,
der quersumme aus licht, im peripher.
das fehlende mit atem durchgestrichen.
von regen zugeweicht. die ruhezeiten
des mikrokosmos blieben im gehör
des falters, der uns köderte mit wirklichkeiten
und ihren oberflächlich wahrem interieur.
herbarisiert sein tanz im abdruck unsrer hände.
die letzten seiten bleiben. nimmerhin.
das buch, es blendet uns: durch alles weiße.
du sagtest einst bevor ich dir mein herz verpfände,
will ich nie werden, wie ich bin.

es endete noch vor beginn die reise.

(aus: enzyklopädie des atems, noch unveröffentlicht)

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Gedicht der Woche (XXXVIX)

bisher hat bigfoot nie auf großem fuß gelebt
steht in den akten seiner feuchten träume
die füße faulen schon die spur verwischt
er jagt den weltrekord im runterkommen
ein arbeitsloser der den andern neidet
was sie nicht einmal haben wenn er droht
dann droht er nur und sackt in sich zusammen
er hatte seine fünf minuten ruhm
trug sich ins goldne buch der notaufnahme
was kümmert’s ihn dass kinder für ihn beten
die langeweile bleibt sein bester freund
im glauben an das gute tief im innern
lecken die sezierer ihre finger

(aus: ungeheuerlicht)

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Sonnentanz

Kürzlich erschien im Mitteldeutschen Verlag ein Buch mit Primärtexten (Gedichte und kurze Prosa) von Walter Bauer mit dem Titel Sonnentanz. Als Herausgeber fungierten Jürgen Jankofsky und Prof. Günter Hess. Ich habe darin meine Eindrücke zum mitteldeutschen Kanadier Walter Bauer zum Besten gegeben. Der darin von mir enthaltene Aufsatz heißt „Schade, daß ich nur einen Kern habe“ (der Titel bezieht sich auf eine Verszeile Bauers). Erhältlich ist das Buch unter anderem hier.

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Gedicht der Woche (XXXVIII)

Allein

(Edgar Allan Poe)

Seit meiner Kindheit war ich nie
wie andere – und sah nicht wie
die andern – achtete gering
den Frühling, der vorüberging –
woanders her kam mir der Schrecken –
ich könnt das Herz niemals erwecken,
sich in demselben Ton zu freun –
was ich auch liebte – liebte ich allein –
dann – als die Dämmerung sich fand
im sturmgeprägten Sein – entstand
aus tiefer Krankheit und Idyll
das Rätsel, das mich eingehüllt –
aus der Flut und der Fontäne –
aus der Felswand roten Tönen –
aus der Sonne, die mir folgt,
herbstlich ist ihr Ton aus Gold –
aus dem Blitz am Himmel, heiß,
der an mir vorübereilt –
aus dem Donner und dem Sturm –
und der Wolke mit der Form
(wenn gänzlich blau der Himmel ruht)
der mir trauten Höllenbrut –

Nachdichtung: Thomas Rackwitz

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Gedicht der Woche (XXXVII)

Die Wandersaison kann losgehen …

auf dem brocken

morgens wenn die sprache der schmetterlinge
wieder der vollkommenheit nahe ist, die
vögel die zerrissene luft in ihren
schnäbeln verbergen,

sich das fell der luchse mit nebel vollsaugt,
noch die alten grasnarben von den hirschen
aufgerissen werden und moos herunter
brennt an den bäumen –

in der spur des laubs sich verliert, die auf dem
fluchtweg des vergangenen sommers endet,
zittern hier die steine, als schliefe tief im
innern ein vulkan.

(aus: an der schwelle zum harz. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2014.)

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