Erster Eindruck zu „neophyten“

Für den ersten Eindruck gibt es ja bekanntlich keine zweite Chance. Mein Lektor schrieb Folgendes zu „neophyten“:

„[...] ein Buch, wie man es sich wünscht, tief und leicht in einem, mit wundervollen, stillen und lauten Bezügen, untereinander wie nach draußenhin.“

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Gedichtband »neophyten« beim mdv

Soooo … Vertrag unterschrieben. Endgültiges Manuskript eingereicht. Bald startet das Lektorat. Ich freu mich auf meinen Gedichtband »neophyten«, der im Juni/Juli 2020 im Mitteldeutschen Verlag erscheinen wird.

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Das Meer

Großvater hatte mir einmal erzählt, Feuersmünde beherberge die Ausläufer eines Ufers, dessen Meer sich in Luft aufgelöst hätte. Ich war noch nie am Meer gewesen. Habe noch nie sein Rauschen gehört. Kenne die gewaltige Brandung nur aus den Geschichten, die mir Großvater erzählte. Manchmal bildete ich mir ein, der Ort hätte sein eigenes Meer, als wäre das Moos der Häuserwände mit den Algen aus den Geschichten verwandt, als wäre im Apfelgehäuse hoher Seegang, bevor man sich aufmachte, den Apfel mit den Zähnen zu zermalmen. Ich leckte mir nicht selten über die Lippen, um zu überprüfen, ob sie durch den mir entgegenwehenden Wind salziger schmecken würden.

In Wirklichkeit war Feuersmünde nichts weiter als Brachland, was ich mir lange Zeit nicht eingestehen wollte. Die Bauruinen bildeten den Ortskern. Meine Kindheit verbrachte ich oft vor den eingeworfenen Fenstern der verwitterten Ortskirche. Niemals hatte ich es gewagt, über die Schwelle zu treten. Schließlich hatte mir Großvater versichert, ich trüge zu viele Dämonen in mir, die ich dadurch leichtsinnig entfesseln könnte. Er war ein gläubiger Mensch. Nur glaubte er nicht an Gott, sondern ausschließlich an Bacchanten. Nur wenn er betrunken war, pflegte er sich zu unterhalten. Vermutlich hatte er deshalb nicht den besten Ruf im Ort, war er doch des Öfteren aufgrund seiner Trunksucht aufgefallen. Einmal hatte er Frau Schwanengitter in den Briefkasten gepinkelt und sich dabei erwischen lassen. Sie strafte mich fortan genauso mit Verachtung wie ihn. Mit der Zeit wurden es immer mehr Einheimische, die uns verachteten und sich von uns abschotteten, als trügen wir etwas Lepröses an uns, bis wir schließlich im gesamten Ort in Ungnade gefallen waren. Meinen Schulkameraden wurde der Kontakt zu mir untersagt. So hörte ich auf, zur Schule zu gehen. Knochenhaar setzte sich jedoch über derartige Verbote hinweg. Er hatte seine eigenen Regeln. Mit ihm plünderte ich manchmal Großvaters Weinvorräte. Aus Angst vor Großvaters Reaktion streckte ich danach stets die angetrunkenen Flaschen mit Wasser und versuchte, die Korken wieder in die Flaschen zu drücken, in der Hoffnung, er würde es nicht merken.

Eines Tages kam auch Knochenhaar nicht mehr zu mir. Ich beschloss, ihn aufzusuchen. Er hatte mir erzählt, er wohne zusammen mit seinen Eltern am Rande des seiner Ansicht nach langsam implodierenden Ortes. Die Luft war hier dünner. Die Regentropfen verschwisterten sich. An dem von Efeu umrankten Haus waren noch Einschusslöcher aus dem letzten großen Krieg zu erkennen. Anstelle von Knochenhaar empfing mich jedoch dessen Vater, dem ich nur dieses eine Mal begegnete. Knochenhaar hätte es niemals gegeben, hatte er mir gesagt. Ich hätte mir ihn nur eingebildet und auch dieses Gespräch hätte niemals stattgefunden. Mag sein, tröstete ich mich. Vielleicht hatte ich mir auch nur eingebildet, Eltern gehabt zu haben. Großvater jedenfalls tat so, als hätte es sie nie gegeben, als ich ihn auf sie ansprach. Das Meer des Ortes verebbte schlagartig in diesem Augenblick. So machte ich mich auf, um Muscheln zu sammeln, bevor die nächste Flut sie wieder mit sich reißen würde. An dem Abend übergab ich Großvater meine Beute, so als müsste ich mir damit ein Abendessen verdienen. Das sind keine Muscheln … Schneckenreste, meinte er nur beiläufig, ohne den Blick von der Flasche abzuwenden. Ich wusste nicht, wie Muscheln aussehen und bat ihn, mir das richtige Meer, sein Meer zu zeigen. Er war außer sich in seinem Schweigen. Manchmal war ich froh, nicht so viel wie Großvater über sein Meer zu wissen, das draußen ist, außerhalb von Feuersmünde, fernab meiner Vorstellungskraft. Er war verbittert. Seine Wege führten ihn nur noch zurück zu den Orten, die er kannte. Die er noch kennen wollte. Das Meer konnte nicht mehr dazugehören, so lange hatte er es seinen Erzählungen nach schon nicht mehr gesehen.

Mit der Zeit verbrachte ich immer mehr Tage in Großvaters Weinkeller und trank geflissentlich für Knochenhaar mit, ohne dabei an Großvater zu denken. Inzwischen füllte ich die Flaschen nicht einmal mehr auf, um meine Abhängigkeit zu vertuschen, sondern ließ sie einfach verschwinden oder bestückte sie mit Botschaften für die Nachwelt. Irgendwann käme ich schon noch zum Meer und so hätte ich wenigstens die nötigen Requisiten. Berauscht wie ich war kamen mir die eigenartigsten Dinge in den Sinn. Ich stellte mir vor, mit einem Boot in einen archaischen Hafen einzulaufen, der sich unter der Wasseroberfläche befände, bevor ich kurz darauf unter der Falltür des Meeres verschwinden würde. So wie Knochenhaar. So wie meine Eltern. Alle waren sie verschwunden, ohne dass ich wusste, wo sie sich jetzt befinden. Auch ich wollte verschwinden, wollte Feuersmünde den Rücken kehren, um im Meer wieder aufzutauchen, denn brannten Großvaters Backpfeifen je älter er wurde, umso stärker in meinem Gesicht. Seinem allmählichen körperlichen Verfall setzte er eine immer ausgefeiltere Technik entgegen. Er hatte mich ertappt, wie ich seine Vorräte plünderte, und maßregelte mich eher um seines Weines willen und weniger wegen des zu erzielenden pädagogischen Effekts. Kein Meer war es wert, sich an seinen Flaschen zu vergreifen. So setzte er mich vor die Tür. Seitdem lebt er nur noch als Erinnerung in mir fort. Seine Stimme habe ich inzwischen vergessen.

Die Zeit war gekommen, sein Meer aufzusuchen. Die Wege auf der aus seinem Atlas herausgerissenen Karte deckten sich nicht mit seinen Geschichten. In seinen Geschichten hatte er die immer gleichen Wege beschrieben, die es inzwischen nicht mehr gab. Vielleicht hatte es sie auch nie gegeben. Vielleicht war das Meer nur eine Idee, um das Schreckliche, das ihm womöglich widerfuhr, in Worte zu fassen. Vielleicht hat jeder sein eigenes Meer, das nur er ergründen kann oder in dem er ertrinken muss. Großvater hat mir nicht viel beigebracht. Ich habe jedoch von ihm gelernt, alle Wege führen ins Meer, aber genauso ins Leere.

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Ort der Augen (Heft 3/2019)

Morgen zum Auftakt der Landesliteraturtage des Landes Sachsen-Anhalt erscheint Heft 3/2019 der Literaturzeitschrift Ort der Augen, u. a. mit Texten von Thomas Böhme, Said und Michael Spyra. Ich bin mit drei Gedichten von der Partie. Offiziell vorgestellt wird das Heft im Gleimhaus in Halberstadt durch die oda-Redaktion und Thomas Böhme (siehe hier).

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Lesung mit Thomas Kunst

Schon mal vormerken: Am 25. September um 18 Uhr lese ich zusammen mit Thomas Kunst im Rahmen der Landesliteraturtage des Landes Sachsen-Anhalt in der Anhaltinischen Landesbücherei in Dessau (Zerbster Straße 35). Näheres findet sich (gewiss in Bälde) hier.

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100. Ausgabe von Ort der Augen

Die Literaturzeitschrift Ort der Augen (oda) erscheint dieser Tage zum 100. Mal. Dieses Heft ist eine Doppelausgabe der Hefte 100/101 und weist entsprechend ca. 200 Seiten auf (üblich sind sonst etwa 100). Das Heft wird am 23.10. um 19 Uhr im Merseburger Dom im Rahmen der Landesliteraturtage des Landes Sachsen-Anhalt vorgestellt. Durch den Abend führen die Redaktionsmitglieder Simone Trieder und Torsten Olle sowie der Chefredakteur André Schinkel (musikalisch begleitet von Michael Schönheit). Bei der Gelegenheit werden die beiden langjährigen Redaktionsmitglieder Richard Pietraß und Peter Gosse verabschiedet. Ich werde aus privaten Gründen nicht anwesend sein, bin aber im aktuellen Heft mit 5 Gedichten vertreten. Im Heft finden sich zudem Texte von Wilhelm Bartsch, Jan Wagner, Kerstin Hensel, Ralf Meyer, Daniela Danz, Richard Pietraß, Said usw.

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Sonnentanz

Kürzlich erschien im Mitteldeutschen Verlag ein Buch mit Primärtexten (Gedichte und kurze Prosa) von Walter Bauer mit dem Titel Sonnentanz. Als Herausgeber fungierten Jürgen Jankofsky und Prof. Günter Hess. Ich habe darin meine Eindrücke zum mitteldeutschen Kanadier Walter Bauer zum Besten gegeben. Der darin von mir enthaltene Aufsatz heißt „Schade, daß ich nur einen Kern habe“ (der Titel bezieht sich auf eine Verszeile Bauers). Erhältlich ist das Buch unter anderem hier.

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Zum Irrtum des Rationalen im Irrationalen

Zum Irrtum des Rationalen im Irrationalen

Der einfachen Definition auf Wikipedia folgend, meint irrational Sachverhalte oder Ideen, die der menschlichen Vernunft widersprächen oder aber sich dieser entziehen würden. Im Folgenden möchte ich etwas zu meiner Haltung zum Gedicht sagen, was sich nicht nur auf die bloße Entstehung und Rezeption bezieht.

Ist es denn nicht irrational, ein Gedicht, das aus dem Innersten nach außen strömt, durch Konzepte, Versuchsanordnungen, der Sprachwissenschaft verwandte Setzungsstrategien, oktroyierte Weltanschauungen o. Ä. zu manipulieren? Wird dadurch nicht das eigentlich Poetische, das Werk der Schöpfung unterminiert? Zumindest die letzte Frage war rhetorischer Natur. Das wahrhaft Poetische kann nur aus dem Inneren nach außen strömen, nie aber von außen nach innen. In diesem Fall wäre es gekünstelt oder bloße (Pseudo-)Wissenschaft. Ein Problem der Wissenschaft in diesem Zusammenhang ist aber die im wissenschaftlichen Vorgang nicht zulässige Empathie, die jedoch ein elementarer Bestandteil der schöpferischen Dichtung sein muss, denn der Sinn, das Sinnliche ist der Kern der die Zeit überdauernden Gedichte.

Ein Wissenschaftler untersucht Gegenstände, stellt Thesen auf, stellt diese auf die Probe und hat im besten Falle ein verwertbares Ergebnis, das wiederum von anderen Wissenschaftlern aufgegriffen werden kann. Dabei geht er logisch und rational vor. Wenn wir nun also versuchen, unter wissenschaftlichen Aspekten zu dichten, legen wir uns automatisch bestimmte Filter auf. Auf diese Weise bedingen wir bestimmte Haltungsschäden.

Zu viel an Wissenschaft verdrängt das Pathos in den Gedichten. Das Pathos wird inzwischen häufig mit „pathetic“ gleichgesetzt. Aber wir vergessen, Pathos kann auch eine Art Demut darstellen, die wir in der westlichen Welt nahezu völlig verloren haben und nicht selten mit Demütigung verwechseln. Wenn wir nun also das Pathos als völligen Unsinn abqualifizieren oder gar mit Kitsch gleichsetzen, nehmen wir dadurch eine Von-oben-herab-Haltung ein, die im Falle von Gedichten dem Gedicht selbst als solches nicht guttun kann, wird dadurch der Leser doch nicht selten belehrt oder gar vorgeführt. Wenn wir nun also gänzlich auf das Pathos verzichten, rauben wir dem Gedicht nicht zuletzt auch mögliche Inhalte. Ein Problem der zeitgenössischen Dichtung besteht in deren Inhaltslosigkeit. In wie vielen Gedichten geht es nur noch um die Sprache/Worte an sich. Alternativ werden geisteswissenschaftliche Haltungen aller Art zur Schau gestellt. Ketzerisch gefragt: Wäre es in diesem Fall nicht sinnvoller, dies in wissenschaftlichen Arbeiten zu behandeln?

Anfangs gab ich an, etwas  zu meiner Haltung in Bezug auf Gedichte preiszugeben. Nun, das fällt mir wahrlich nicht leicht, zumal ich mit jedem geschriebenen Gedicht immer unsicherer werde und mich ein Stückweit mehr in die fragile Welt meiner Dichtung zurückziehe und somit immer mehr von der Echtzeitwelt aufgebe. Denn: Wer den Weg der Dichtung betritt, lässt den Heimweg unwiederbringlich hinter sich zurück.

Nicht einmal in dieser kurzen Beschreibung komme ich ohne Pathos aus. Auf die Wissenschaft kann ich in meinen Gedichten weitestgehend verzichten. In der Dichtung spielt sie für mich eine untergeordnete Rolle. Ich vertraue auf die Bilder, auf den Rhythmus, auf Klangfolgen, auf größere Zusammenhänge, auf die bloße Intuition, auf den von Thomas Kunst so viel beschworenen Dreck, auf den Wahnsinn, der mich bisweilen heimsucht, auf den Kompass, der mir die Poesie ist, wo es doch nicht sonderlich um meine Orientierung bestellt ist, und versuche, mich nicht im Kleinklein der „Verdichtung“ zu verlieren. Bewirken wir denn durch eine Verdichtung der im Gedicht verhandelten „Materie“ nicht genau das Gegenteil von dem, das wir mit dem Gedicht erreichen möchten? Es stimmt: Viele zeitgenössische Gedichte sind stark verdichtet, was ihnen in der Kritik in der Regel positiv ausgelegt wird. Aber eine zu starke Verdichtung führt unweigerlich dazu, dass das verloren gehen muss, was zwischen den Zeilen stehen könnte. Also die implizite(n) Aussage(n). Zu viel Verdichtung ist zu viel des Guten, bedeutet zu viel Ratio.

Was aber fasziniert uns an Gedichten? Ist es nicht das Irrationale, Unsagbare, diese Unbekannte, die sich nicht auf andere Weise wiedergeben lässt und wenn dann nur stark verwässert? Oder faszinieren uns die in den zeitgenössischen Gedichten so oft verhandelten Ars-poetica-Theorien, die Wortspiele, die Metatexte, die Zitiermechanismen, die Sprechweisen, die künstlich angeordneten Versatzstücke? Verleiht denn die Verwendung des Blocksatzes dem Gedicht einen wirklichen Mehrwert? Geht es noch lakonischer, noch präziser? Auch hier gilt, zu viel an Präzision verstellt den Blick aufs Ganze.

Gibt es denn überhaupt noch vernünftige Gründe, in der heutigen Zeit Gedichte zu schreiben? So ganz ohne Markt, ohne Interesse, ohne wirklichen Mehrwert? Rational betrachtet, ein ganz klares Nein. Es ist also von Grund auf irrational, überhaupt Gedichte zu schreiben. Was spricht dann also dagegen, in den Gedichten irrational zu sein? Was spricht also dagegen, sich dem Zeitgeist, sich dem Zeitgenössischen zu entziehen und beispielsweise Reime zu verwenden? Dem Pathos so zu vertrauen wie der Wissenschaft … Alles im Lot zu halten, das ist die Kunst.

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Schullesung

Gestern durfte ich im Gymnasium am Thie in Blankenburg lesen, nachdem es vor einigen Wochen aufgrund des hitzefreien Nachmittags nicht geklappt hatte. Mir hat es Spaß gemacht. Ich denke und hoffe, dass es den Schülern ähnlich erging, zumindest einigen. ;-) Ach ja, gestern war mein Gedicht dass ich erblinde bemerkte ich erst der Text des Tages auf Fixpoetry.com.

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im traum der dich nicht schlafen lässt – Rezension von Cordula Scheel

Thomas Rackwitz – Gedichte
im traum, der dich nicht schlafen lässt
© chiliverlag, 1. Aufl. Januar 2018
ISBN 978-3-943292-60-2

Sind die Gedichte von Thomas Rackwitz eine Suche nach Identität? Ein Versuch, seinen Ort zu finden, einzuwurzeln?

Der Buchumschlag ein Traum, der uns nicht schlafen lässt, ein kahler Baum mitten im Meer, schwarz im Indigo der Nacht, die sich erhellt im Licht des Vollmonds, den Fisch erleuchtet, der zu ihm emporspringt.  Eine magische Szene. Thomas Rackwitz ruft die tief in uns verankerten mythischen Bilder auf, klopft sie ab auf ihre Gültigkeit. Geben sie auch heute eine Antwort auf die großen Seinsfragen? „der traum, den du begreifst, den gibt es nicht / als feuer, das die zeit umkehrt. / geschrieben steht die zeit dir ins gesicht. / wenn sich das nichts von selbst zerstört. / am anfang war der schlaf, der halbe tod.“

Wir sind mitten in den Vorstellungen des antiken Griechenlands, bei Morpheus, des Todes Bruder, dem Zwilling des Thanatos. Das Gedicht schließt mit den Versen: „seit du dich mehr und mehr verzweigst, / wächst du nach innen in die sterblichkeit.“
Leben und Tod, es geht um den Weg. Wie kann er gelingen? Um hinüber zu gelangen in die Zeit nach dem Sterben, um hineinzukommen in den Ort, den sie Hades nannten oder Orkus, gilt es, den dreiköpfigen Wachhund Zerberus zu besänftigen. Vorher aber müssen wir etwas im Leben erworben haben, das Fährgeld für Charon unter der Zunge tragen, den obolus: „wir sind verloren ohne obolus. / zu leicht verspielt“ – „Was schulden wir? / was vor uns liegt? was dreifach bellt …“

Dass wir am Ende unserer Tage etwas hinüberzubringen haben in die Transzendenz, ist ein Gedanke, der sich durch die Zeiten zieht, sich in den Religionen wiederfindet. Wir haben die Aufgabe, mit unseren Talenten zu wuchern, ein Mehr hinzuzufügen, den goldenen Apfel ins Paradies zurückzubringen. „Grün ist des Lebens goldener Baum“, heißt es bei Goethe.

Thomas Rackwitz kennt sich aus mit Sprache, mit ihren Bildern. Er bringt sie zum Klingen, setzt so gekonnt wie unauffällig Reime, seine Sonette kommen wunderbar leicht daher, sodass wir sie nicht gleich als kunstvolle Form erkennen. Als Gedicht liest sich selbst das Inhaltsverzeichnis. Gibt es in Abschnitt I noch Überschriften, so nimmt jedes neue Gedicht der Teile II, V und VI die Endzeile des vorangegangenen Gedichts auf, führt den Gedanken fort. So entsteht eine fast atemlose Intensität, eine Spannung, wie wird es Thomas Rackwitz gelingen, das Ende seines Gedichts, die Frucht, unmittelbar als Beginn weiterzuführen?

„nach dem sprung aus traum und zeit“ gehen wir zurück „bis zum meer in seiner mondschwermut“. … „nichts ist so kostbar wie der schlaf, / der dir nicht mehr gehört.“
Tröstet die Imagination? Was geht verloren, was bleibt? „wir fliehen rastlos durch die welt, / der wir misstraun wie uns die tiere / entwertet unser wechselgeld, / gefälscht die zukunft, die papiere. / wie wertlos alles ist ohne bezug.“

Findet sich dieser innere Rückhalt in den Gedichten? Was auch immer die Zeichen spiegeln, von denen Thomas Rackwitz‘ Bilder sprechen, sie fallen in Traum und Zeit zurück. Er beschwört in seinen Gedichten die Imagination einer angehaltenen Zeit. Wo mündet sie? Das Ziel ist ins Innere, ins Unruhige verschoben. Es erscheint im Schlaf, „nichts ist so kostbar wie der schlaf“. Hier wird Unbewiesenes erfahrbar, findet seinen Ort. Das Gedicht kann es in Sprache fassen. „Was das Gedicht nicht zu sagen vermag, ist der Rede nicht wert“, sagt Thomas Rackwitz. Kehren wir seinen Satz ins Positive. Seine Gedichte leben in der offenen Spiegelung der angehaltenen Zeit. Wir ahnen, dass sie auch uns betreffen. Thomas Rackwitz‘ Gedichtband im traum, der dich nicht schlafen lässt verdient sehr große Aufmerksamkeit.

Hamburg, den 5.5.2018
Cordula Scheel

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