Gedicht der Woche (XIV)

die nacht in der sich vater erhängte

die nacht in der sich vater erhängte
war eine wie jede andere auch
ich konnte mich nicht erinnern
woran ich mich erinnern wollte
also wünschte ich mir
mich an etwas zu erinnern
was wirklich zählt

es war sommer es war schon spät
für einen wie mich
ich aß ohne hunger zu haben
die halbe nacht lang
weil es mir versagt war zu schlafen
im gewieher des fernsehers
mit dem ich das einsame zimmer teilte
er war mein bester freund zu jener zeit

draußen streifte ein wind
den ich einzig in den atempausen
des fernsehers zu hören glaubte
entlang an dem verfallenden lebenswerk
meiner vorfahren
deren namen ich vergaß
oder niemals kannte

er verhöhnte mich
in der sprache meiner kindheit
die ich abgelegt hatte
um so zu sprechen wie einer
dem man nicht trauen kann
auf dem dorf das mir nie geheuer war
dessen bewohner ihr schweigen
nur zum grüßen unterbrachen
als ob sie etwas wissen würden
was sie nicht verstehen durften
und sich daher mit ihrem schweigen bestraften

immer wirkten ihre augen so müde
wie das licht
wenn es kurz vor der dämmerung einfällt
in einen verlassenen cañon

in der nacht in der sich vater erhängte
war mir alles andere wichtiger
als in den schlaf zu finden

ich kann sie noch hören
die vögel
wie sie über ihn herzogen
ohne dass ich ihre laute
wirklich annähernd verstand

inzwischen aber glaube ich
vermag ich sie zu verstehen
wenn sie mich heimsuchen
sich heiser schreien
in meinen träumen
wie in jener nacht
als auch sie nicht schliefen

(aus: ausgrabungen am offenen herzen. Hallesche Autorenhefte 61, Halle 2015.)

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