Zum Irrtum des Rationalen im Irrationalen

Zum Irrtum des Rationalen im Irrationalen

Der einfachen Definition auf Wikipedia folgend, meint irrational Sachverhalte oder Ideen, die der menschlichen Vernunft widersprächen oder aber sich dieser entziehen würden. Im Folgenden möchte ich etwas zu meiner Haltung zum Gedicht sagen, was sich nicht nur auf die bloße Entstehung und Rezeption bezieht.

Ist es denn nicht irrational, ein Gedicht, das aus dem Innersten nach außen strömt, durch Konzepte, Versuchsanordnungen, der Sprachwissenschaft verwandte Setzungsstrategien, oktroyierte Weltanschauungen o. Ä. zu manipulieren? Wird dadurch nicht das eigentlich Poetische, das Werk der Schöpfung unterminiert? Zumindest die letzte Frage war rhetorischer Natur. Das wahrhaft Poetische kann nur aus dem Inneren nach außen strömen, nie aber von außen nach innen. In diesem Fall wäre es gekünstelt oder bloße (Pseudo-)Wissenschaft. Ein Problem der Wissenschaft in diesem Zusammenhang ist aber die im wissenschaftlichen Vorgang nicht zulässige Empathie, die jedoch ein elementarer Bestandteil der schöpferischen Dichtung sein muss, denn der Sinn, das Sinnliche ist der Kern der die Zeit überdauernden Gedichte.

Ein Wissenschaftler untersucht Gegenstände, stellt Thesen auf, stellt diese auf die Probe und hat im besten Falle ein verwertbares Ergebnis, das wiederum von anderen Wissenschaftlern aufgegriffen werden kann. Dabei geht er logisch und rational vor. Wenn wir nun also versuchen, unter wissenschaftlichen Aspekten zu dichten, legen wir uns automatisch bestimmte Filter auf. Auf diese Weise bedingen wir bestimmte Haltungsschäden.

Zu viel an Wissenschaft verdrängt das Pathos in den Gedichten. Das Pathos wird inzwischen häufig mit „pathetic“ gleichgesetzt. Aber wir vergessen, Pathos kann auch eine Art Demut darstellen, die wir in der westlichen Welt nahezu völlig verloren haben und nicht selten mit Demütigung verwechseln. Wenn wir nun also das Pathos als völligen Unsinn abqualifizieren oder gar mit Kitsch gleichsetzen, nehmen wir dadurch eine Von-oben-herab-Haltung ein, die im Falle von Gedichten dem Gedicht selbst als solches nicht guttun kann, wird dadurch der Leser doch nicht selten belehrt oder gar vorgeführt. Wenn wir nun also gänzlich auf das Pathos verzichten, rauben wir dem Gedicht nicht zuletzt auch mögliche Inhalte. Ein Problem der zeitgenössischen Dichtung besteht in deren Inhaltslosigkeit. In wie vielen Gedichten geht es nur noch um die Sprache/Worte an sich. Alternativ werden geisteswissenschaftliche Haltungen aller Art zur Schau gestellt. Ketzerisch gefragt: Wäre es in diesem Fall nicht sinnvoller, dies in wissenschaftlichen Arbeiten zu behandeln?

Anfangs gab ich an, etwas  zu meiner Haltung in Bezug auf Gedichte preiszugeben. Nun, das fällt mir wahrlich nicht leicht, zumal ich mit jedem geschriebenen Gedicht immer unsicherer werde und mich ein Stückweit mehr in die fragile Welt meiner Dichtung zurückziehe und somit immer mehr von der Echtzeitwelt aufgebe. Denn: Wer den Weg der Dichtung betritt, lässt den Heimweg unwiederbringlich hinter sich zurück.

Nicht einmal in dieser kurzen Beschreibung komme ich ohne Pathos aus. Auf die Wissenschaft kann ich in meinen Gedichten weitestgehend verzichten. In der Dichtung spielt sie für mich eine untergeordnete Rolle. Ich vertraue auf die Bilder, auf den Rhythmus, auf Klangfolgen, auf größere Zusammenhänge, auf die bloße Intuition, auf den von Thomas Kunst so viel beschworenen Dreck, auf den Wahnsinn, der mich bisweilen heimsucht, auf den Kompass, der mir die Poesie ist, wo es doch nicht sonderlich um meine Orientierung bestellt ist, und versuche, mich nicht im Kleinklein der „Verdichtung“ zu verlieren. Bewirken wir denn durch eine Verdichtung der im Gedicht verhandelten „Materie“ nicht genau das Gegenteil von dem, das wir mit dem Gedicht erreichen möchten? Es stimmt: Viele zeitgenössische Gedichte sind stark verdichtet, was ihnen in der Kritik in der Regel positiv ausgelegt wird. Aber eine zu starke Verdichtung führt unweigerlich dazu, dass das verloren gehen muss, was zwischen den Zeilen stehen könnte. Also die implizite(n) Aussage(n). Zu viel Verdichtung ist zu viel des Guten, bedeutet zu viel Ratio.

Was aber fasziniert uns an Gedichten? Ist es nicht das Irrationale, Unsagbare, diese Unbekannte, die sich nicht auf andere Weise wiedergeben lässt und wenn dann nur stark verwässert? Oder faszinieren uns die in den zeitgenössischen Gedichten so oft verhandelten Ars-poetica-Theorien, die Wortspiele, die Metatexte, die Zitiermechanismen, die Sprechweisen, die künstlich angeordneten Versatzstücke? Verleiht denn die Verwendung des Blocksatzes dem Gedicht einen wirklichen Mehrwert? Geht es noch lakonischer, noch präziser? Auch hier gilt, zu viel an Präzision verstellt den Blick aufs Ganze.

Gibt es denn überhaupt noch vernünftige Gründe, in der heutigen Zeit Gedichte zu schreiben? So ganz ohne Markt, ohne Interesse, ohne wirklichen Mehrwert? Rational betrachtet, ein ganz klares Nein. Es ist also von Grund auf irrational, überhaupt Gedichte zu schreiben. Was spricht dann also dagegen, in den Gedichten irrational zu sein? Was spricht also dagegen, sich dem Zeitgeist, sich dem Zeitgenössischen zu entziehen und beispielsweise Reime zu verwenden? Dem Pathos so zu vertrauen wie der Wissenschaft … Alles im Lot zu halten, das ist die Kunst.

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