Das Meer

Großvater hatte mir einmal erzählt, Feuersmünde beherberge die Ausläufer eines Ufers, dessen Meer sich in Luft aufgelöst hätte. Ich war noch nie am Meer gewesen. Habe noch nie sein Rauschen gehört. Kenne die gewaltige Brandung nur aus den Geschichten, die mir Großvater erzählte. Manchmal bildete ich mir ein, der Ort hätte sein eigenes Meer, als wäre das Moos der Häuserwände mit den Algen aus den Geschichten verwandt, als wäre im Apfelgehäuse hoher Seegang, bevor man sich aufmachte, den Apfel mit den Zähnen zu zermalmen. Ich leckte mir nicht selten über die Lippen, um zu überprüfen, ob sie durch den mir entgegenwehenden Wind salziger schmecken würden.

In Wirklichkeit war Feuersmünde nichts weiter als Brachland, was ich mir lange Zeit nicht eingestehen wollte. Die Bauruinen bildeten den Ortskern. Meine Kindheit verbrachte ich oft vor den eingeworfenen Fenstern der verwitterten Ortskirche. Niemals hatte ich es gewagt, über die Schwelle zu treten. Schließlich hatte mir Großvater versichert, ich trüge zu viele Dämonen in mir, die ich dadurch leichtsinnig entfesseln könnte. Er war ein gläubiger Mensch. Nur glaubte er nicht an Gott, sondern ausschließlich an Bacchanten. Nur wenn er betrunken war, pflegte er sich zu unterhalten. Vermutlich hatte er deshalb nicht den besten Ruf im Ort, war er doch des Öfteren aufgrund seiner Trunksucht aufgefallen. Einmal hatte er Frau Schwanengitter in den Briefkasten gepinkelt und sich dabei erwischen lassen. Sie strafte mich fortan genauso mit Verachtung wie ihn. Mit der Zeit wurden es immer mehr Einheimische, die uns verachteten und sich von uns abschotteten, als trügen wir etwas Lepröses an uns, bis wir schließlich im gesamten Ort in Ungnade gefallen waren. Meinen Schulkameraden wurde der Kontakt zu mir untersagt. So hörte ich auf, zur Schule zu gehen. Knochenhaar setzte sich jedoch über derartige Verbote hinweg. Er hatte seine eigenen Regeln. Mit ihm plünderte ich manchmal Großvaters Weinvorräte. Aus Angst vor Großvaters Reaktion streckte ich danach stets die angetrunkenen Flaschen mit Wasser und versuchte, die Korken wieder in die Flaschen zu drücken, in der Hoffnung, er würde es nicht merken.

Eines Tages kam auch Knochenhaar nicht mehr zu mir. Ich beschloss, ihn aufzusuchen. Er hatte mir erzählt, er wohne zusammen mit seinen Eltern am Rande des seiner Ansicht nach langsam implodierenden Ortes. Die Luft war hier dünner. Die Regentropfen verschwisterten sich. An dem von Efeu umrankten Haus waren noch Einschusslöcher aus dem letzten großen Krieg zu erkennen. Anstelle von Knochenhaar empfing mich jedoch dessen Vater, dem ich nur dieses eine Mal begegnete. Knochenhaar hätte es niemals gegeben, hatte er mir gesagt. Ich hätte mir ihn nur eingebildet und auch dieses Gespräch hätte niemals stattgefunden. Mag sein, tröstete ich mich. Vielleicht hatte ich mir auch nur eingebildet, Eltern gehabt zu haben. Großvater jedenfalls tat so, als hätte es sie nie gegeben, als ich ihn auf sie ansprach. Das Meer des Ortes verebbte schlagartig in diesem Augenblick. So machte ich mich auf, um Muscheln zu sammeln, bevor die nächste Flut sie wieder mit sich reißen würde. An dem Abend übergab ich Großvater meine Beute, so als müsste ich mir damit ein Abendessen verdienen. Das sind keine Muscheln … Schneckenreste, meinte er nur beiläufig, ohne den Blick von der Flasche abzuwenden. Ich wusste nicht, wie Muscheln aussehen und bat ihn, mir das richtige Meer, sein Meer zu zeigen. Er war außer sich in seinem Schweigen. Manchmal war ich froh, nicht so viel wie Großvater über sein Meer zu wissen, das draußen ist, außerhalb von Feuersmünde, fernab meiner Vorstellungskraft. Er war verbittert. Seine Wege führten ihn nur noch zurück zu den Orten, die er kannte. Die er noch kennen wollte. Das Meer konnte nicht mehr dazugehören, so lange hatte er es seinen Erzählungen nach schon nicht mehr gesehen.

Mit der Zeit verbrachte ich immer mehr Tage in Großvaters Weinkeller und trank geflissentlich für Knochenhaar mit, ohne dabei an Großvater zu denken. Inzwischen füllte ich die Flaschen nicht einmal mehr auf, um meine Abhängigkeit zu vertuschen, sondern ließ sie einfach verschwinden oder bestückte sie mit Botschaften für die Nachwelt. Irgendwann käme ich schon noch zum Meer und so hätte ich wenigstens die nötigen Requisiten. Berauscht wie ich war kamen mir die eigenartigsten Dinge in den Sinn. Ich stellte mir vor, mit einem Boot in einen archaischen Hafen einzulaufen, der sich unter der Wasseroberfläche befände, bevor ich kurz darauf unter der Falltür des Meeres verschwinden würde. So wie Knochenhaar. So wie meine Eltern. Alle waren sie verschwunden, ohne dass ich wusste, wo sie sich jetzt befinden. Auch ich wollte verschwinden, wollte Feuersmünde den Rücken kehren, um im Meer wieder aufzutauchen, denn brannten Großvaters Backpfeifen je älter er wurde, umso stärker in meinem Gesicht. Seinem allmählichen körperlichen Verfall setzte er eine immer ausgefeiltere Technik entgegen. Er hatte mich ertappt, wie ich seine Vorräte plünderte, und maßregelte mich eher um seines Weines willen und weniger wegen des zu erzielenden pädagogischen Effekts. Kein Meer war es wert, sich an seinen Flaschen zu vergreifen. So setzte er mich vor die Tür. Seitdem lebt er nur noch als Erinnerung in mir fort. Seine Stimme habe ich inzwischen vergessen.

Die Zeit war gekommen, sein Meer aufzusuchen. Die Wege auf der aus seinem Atlas herausgerissenen Karte deckten sich nicht mit seinen Geschichten. In seinen Geschichten hatte er die immer gleichen Wege beschrieben, die es inzwischen nicht mehr gab. Vielleicht hatte es sie auch nie gegeben. Vielleicht war das Meer nur eine Idee, um das Schreckliche, das ihm womöglich widerfuhr, in Worte zu fassen. Vielleicht hat jeder sein eigenes Meer, das nur er ergründen kann oder in dem er ertrinken muss. Großvater hat mir nicht viel beigebracht. Ich habe jedoch von ihm gelernt, alle Wege führen ins Meer, aber genauso ins Leere.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.