Leseproben

WEIL DU MICH MÜDE MACHST GEH ICH DIR NAH
bist nacht mir überm meer bist stimme allem kalten
du gleichst der tiefsten luft die ich je sah
ich brandete an händen die mich halten

wie lieb ich dich da du dich mir entziehst
sobald in deinen armen ich erwache
glaub ich zu sehn was du vor mir verschließt
ergründe zügig ich der zungen sprache

an deinem hafen unweit fremder zwänge
verstecke ich die zeit um hier zu bleiben
und fühle nur die ferne die mich führt

im mund die früchte früherer gesänge
vergessen wir das licht und lassen leicht uns treiben
auf dass ein traum den anderen berührt

DASS ICH ERBLINDE
bemerkte ich erst
als es mir nicht mehr gelang
deinen atem zu sehen
in deinen erinnerungen
mich wiederzufinden
aus den spiegeln
an denen du vorbeigingst zu lesen
auch das flüstern deines schattens
ließ sich auf einmal nicht mehr übersetzen
dafür ertappte ich mich
immer wieder beim versuch
den sinn deiner sommersprossen
entschlüsseln zu wollen
oder den ursprung
deiner lebenslinien
mit meinen fingern zu erforschen
jedes noch so feine haar deines körpers
mit meiner zunge zu umkreisen
eine heimliche spur
aus küssen zu legen
um mich in deiner nähe
nicht wieder zu verirren

PERMAFROST

ich zupfte alles unkraut
aus dem herzen.
schon wuchs es nach,
die wurzel nicht zu packen –
im traum zwei dutzend klafter tief.

darin gleich sieben kinder
aus angefaulten brüsten soffen
den meeresschaum der vorwelt
zeitenmutter.

halb riesin, halb nur aufgeschwemmt
hielt sie für ein märchenwesen mich
in ihrer dreizehnten persönlichkeit.

verschlammt die tränen
auf den rauen wangen –
sie presste drei der kinder fester
und schüttete mir ihre ängste
wie einen eimer wasser aus.

und fragte nach dem weg
ins hinterland, dem kürzesten,
wo fische noch den flussverlauf bestimmen,
wo himmel unterm nacktem fuß beginnt,
wo feuer nimmer maßvoll niederbrennt.

ich zuckte mit den durchgefrornen schultern,
derweil der sommer sich zum nächsten neigte
und dohlen ziellos überm boden kreisten.

dann zog sie mich zurück aus den gedanken,
dem dickicht und dem unterholz.
weil alles schmölze, sprach sie ungefragt,
zuerst das eis und nicht zuletzt das licht,
dazwischen ihre kinder, alle sieben.

hier sei’s zu spät längst, hauchte kalt ihr atem.
die kinder blieben nur dem hunger treu.
vergeblich festzuhalten an strukturen.
und uhrensand verdunkelte die spuren.

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